Beherzt, behutsam, beharrlich

Wie können Christinnen und Christen im Umfeld der höheren Bildung ihren Glauben überzeugend und einladend leben? Pointiert gefragt: Wie ist Evangelisation unter Akademikern möglich?

Kürzlich verfolgte ich den Videovortrag eines renommierten Psychologie-Professors über Coaching. Er erläuterte zunächst dieses populäre Beratungsformat und ging dann auf dubiose Formen ein. Sehr suspekt erschien ihm eine christliche Variante. Über die Wirksamkeit von sogenanntem «spirituellen Coaching» gebe es keine empirischen Nachweise, betonte der Psychologe – und schob gleich noch ein paar süffisant-ironische Aussagen zum christlichen Glauben nach. Mit spöttischem Unterton vorgebrachte Einzelargumente gegen den Glauben – das habe ich in Vorlesungen an Schweizer Hochschulen schon mehrfach erlebt. Ich befürchte, dass dieser Mix eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Studierenden hat. Er erweckt den falschen Eindruck, dass christliches Gedankengut in einem wissenschaftlichen Kontext nicht ernst zu nehmen sei.

Christen outen sich nur selten

Es ist nicht einfach, auf solche Äusserungen angemessen zu reagieren. Die meisten werden wohl intuitiv den Kopf einziehen und sich nicht äussern. Diese Reaktion ist mir persönlich gut vertraut. Es gibt zudem Indizien dafür, dass Christinnen und Christen, die in der Schweiz eine öffentliche Stellung in Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung oder Medien innehaben, ihren Glauben weniger bekannt werden lassen als in anderen europäischen Ländern. Sie leben ihren Glauben privat und outen sich in ihrem beruflichen Umfeld kaum. Das Risiko, einen ernsthaften Reputationsschaden zu erleiden bei Bekanntwerden ihrer christlichen Überzeugung, ist ihnen zu gross. Dadurch kann in der Öffentlichkeit die irreführende Überzeugung entstehen, dass kein gebildeter Mensch allen Ernstes Christ sein kann. Das ist tragisch, denn somit verschwindet das Evangelium zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Vielversprechende Initiativen

Zentrale Werte unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft basieren auf der jüdischen Gerechtigkeitsethik und der christlichen Liebesethik, wie der (nach eigenen Angaben «religiös unmusikalische») Philosoph Jürgen Habermas betont. Das gilt es neu herauszustreichen. Ein Beispiel dafür ist das VBG-Projekt «reformare», das an Mittelschulen die kulturgeschichtliche Relevanz des christlichen Glaubens aufzeigt (www.reformare.ch). Ebenfalls sehr wertvoll sind offene Dialoge, wie sie etwa im Rahmen der evangelistischen «Hochschultage» der  VBG an verschiedenen Universitäten stattfinden. Zudem sollen Christen jederzeit in der Lage sein, auf Anfrage Rechenschaft über ihre Hoffnung abzulegen, und zwar freundlich und respektvoll (1. Petrus 3,15). Um überzeugende Antworten geben zu können, ist eine Vorbereitung hilfreich.  (Eine wertvolle Hilfe dazu ist die Webseite www.begruendetglauben.org, ein gemeinsames Projekt der  VBG mit dem «Institut für Glaube und Wissenschaft»). Nicht zuletzt bietet auch das gemeinsame Gebet wichtige Anknüpfungspunkte. Der «Prayday» lädt Schülerinnen und Schüler, Ehemalige und Kirchgemeinden jährlich dazu ein, an «ihrer» Mittelschule zu beten und den Glauben auf diese Weise sichtbar zu machen (www.prayday.ch).

Das sind verheissungsvolle Initiativen. Trotzdem sollten wir darüber nachdenken, wie das Evangelium im Umfeld von gebildeten Menschen noch überzeugender zur Sprache gebracht werden kann. Christsein ist im Kern ein personales Phänomen und betrifft zuallererst die persönliche und vertrauensvolle Beziehung zu Jesus Christus als Erlöser und Herr. Evangelisation bezeichnet von daher alle Bemühungen, anderen Menschen die Begegnung mit diesem Jesus zu ermöglichen. In Deutschland wird darüber diskutiert, dass sich die Kirchen seit dem 19. Jahrhundert zu wenig um die Arbeiterschicht gekümmert haben und diese sich in der Folge nach und nach vom christlichen Glauben abwandte. Die VBG setzt sich dafür ein, dass unter Gebildeten nicht eine vergleichbare Entwicklung passiert. So stand 2017 die Weiterbildungswoche für alle VBG-Angestellten unter dem Thema «Evangelisation». Die Menschen haben ein Recht darauf, zu erfahren, warum Christen an etwas glauben, das sich zum Teil der empirischen Überprüfung entzieht. Tatsächlich leben ja alle Menschen mit Annahmen und Überzeugungen, die empirisch nicht nachweisbar sind. Wer aber mit seinen Überzeugungen nicht im Mainstream liegt, muss anderen gegenüber wesentlich besser argumentieren, um ernstgenommen zu werden. Das ist ein bekanntes psychologisches Phänomen. Sozialpsychologische Untersuchungen zum Einfluss von Minderheiten auf die Mehrheit zeigen aber, dass es unter bestimmten Bedingungen durchaus möglich ist, den Mainstream mitzuprägen. Wichtig sind vor allem konsistentes Verhalten und Ausdauer. Wird eine Minderheit allerdings als stur und wirklichkeitsfern wahrgenommen, wird ihr Anliegen von der Mehrheit abgelehnt. Ihre persönliche Glaubwürdigkeit ist entscheidend.