Evangelisation stand im Zentrum der Weiterbildungswoche aller VBG-Angestellten, die im August 2017 im Campo Rasa stattfand. Referent Matthias Clausen machte Mut, das Thema «beherzt, behutsam und beharrlich» anzugehen – also unverkrampft, differenziert und zielgerichtet.

Wir haben uns daran gewöhnt, die grossen Fragen an das Leben kaum mehr ernsthaft zu stellen, sie ironisch auf Distanz zu halten und gewissermassen nur noch in Anführungszeichen zu fragen – vielleicht weil wir keine substanziellen Antworten mehr erwarten. Damit sind wir bei einem ersten Kennzeichen postmoderner Befindlichkeit: Der Skepsis gegenüber «Metaerzählungen».

Typisch postmodern, so hat es der französische Vordenker Jean François Lyotard in seiner Programmschrift «Das postmoderne Wissen» ausgedrückt, ist die Skepsis gegenüber den übergreifenden Sinndeutungsangeboten, die uns die grossen alten Weltanschauungen machen – Religionen, Ideologien, Philosophien, aber auch «die Wissenschaft». Dem begegnen postmodern geprägte Menschen instinktiv mit Vorsicht, oft mit ironischer Distanz – auch um sich vor falschen Versprechungen zu schützen. Wenn ich dieser Gefühlslage unter meinen studentischen Zuhörern begegne, äussere ich zunächst Verständnis. Immerhin kenne ich die entsprechende Schutzhaltung auch selbst, sie macht ja keinesfalls Halt vor den Toren der christlichen Gemeinde. Und ich kenne auch die Erfahrung, dass die unscheinbaren, alltäglichen Antworten auf die Sinnfrage oft attraktiver, weil greif-barer und praktikabler wirken als die grossen Weltanschauungen. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir die grossen Fragen an das Leben stellen sollen – weil wir es können. Ich bin sogar der Meinung, es gehört zu unserer Würde, über unseren Alltag hinaus zu fragen: Wozu bin ich da? Was bin ich wert? Was ist Wahrheit? Es ist nicht leicht, so zu fragen, es ist für manche auch ungewohnt. Es weckt dennoch spürbar Respekt und Neugier, wenn ich mich in dieser Weise persönlich dafür einsetze. Ich sage z.B.: «Wenn ihr heute Abend nach Hause kommt, schaltet einfach einmal alles ab: Aus dem Internet ausloggen, das geht. Den Rechner abschalten, das Tablet, das Smartphone, das Radio, den Fernseher, die Mikrowelle, die Waschmaschine. Einfach einmal alles abschalten, und ruhig sein, und nachdenken: Was lebe ich da eigentlich? Welche Aussage mache ich mit meinem Leben darüber, was ich für den Sinn des Lebens halte? Und will ich diese Aussage eigentlich machen?» Wenn ich die Sinnfrage so zuspitze, persönlich, entspannt im Tonfall und verbunden mit redlicher Argumentation – sind fast immer alle aufmerksam. Vielleicht ist diese Gesprächshaltung also ein Schlüssel für die Evangelisation in der Postmoderne.

«Welche Aussage mache ich mit meinem Leben darüber, was ich für den Sinn des Lebens halte?»

Ähnliches gilt für das zweite Kennzeichen: Die Skepsis gegenüber Objektivität. «Warum diese Gott-Fixierung?» – so der Kommentar eines Gastes auf einem Feedbackzettel nach einem Vortrag zum Thema Identität und Sinnfrage. Die «Gott-Fixierung» war zwar erst etwa im letzten Drittel des Vortrags eingetreten. Möglicherweise hatte er sich aber Lebenshilfe gänzlich ohne «religiösen Überbau» erhofft. Möglicherweise hat der Fragesteller ausserdem – wie viele seiner Zeitgenossen – grundsätzlich Schwierigkeiten damit, wenn eine religiöse Perspektive auf Lebensfragen nicht nur als hilfreiches Angebot, sondern als Wahrheitsanspruch präsentiert wird. Wahrheitsansprüche kann man zurückweisen, für falsch und unbegründet oder nicht nachvollziehbar erklären. Meine Erfahrung ist allerdings, dass manche meiner Zuhörer es schon unangemessen finden, einen Wahrheitsanspruch auch nur zu äussern. Üblich, ja selbstverständlich scheint für sie, dass es so etwas wie Wahrheit nicht gibt, und selbst wenn es sie doch gäbe, könnte sie ja niemand zweifelsfrei nachweisen, was also aufs Gleiche herauskommt. Es hat eben niemand von uns einen Gottesstandpunkt. Der letzte Satz stimmt. Er reicht aber nicht aus, um Wahrheit für unmöglich zu erklären. Dass niemand von uns einen privilegierten Zugang zur Wahrheit hat, heisst keineswegs, dass es keine Wahrheit gibt. Wer das behauptet, stellt sich gerade selbst über alles andere. Sein Standpunkt wäre demnach, was zugespitzt geradezu lustig klingt: «Es gibt keine objektive Wahrheit. Und das weiss ich mit Sicherheit.» Man muss dann nur zurückfragen: Und was ist der Status deiner Aussage? Ist sie wahr? Auf diese Unlogik kann man also hinweisen, und das tue ich durchaus mit Genuss.

Es braucht die Anwenderorientierung

Im Gespräch mit postmodernen Studierenden ist aber auch das nicht ausreichend, sondern es braucht wieder und zusätzlich die persönliche Anwenderorientierung: Was also, so lautet meine nächste Frage in Vorträgen über die Wahrheitsfrage, was also, wenn es Wahrheit tatsächlich gibt – objektive, verlässliche Wahrheit? Wir finden sie nur dann, wenn wir uns persönlich auf sie einlassen. Argumente spielen bei diesem Prozess eine Rolle, eine grössere übrigens, als manche postmodernen Skeptiker (und manche ihrer postmodernen christlichen Freunde) meinen. Aber zu den Argumenten hinzu muss die Bereitschaft kommen, sich persönlich auf etwas einzulassen, was man im Voraus nie ganz überblicken kann. Wahrheit hat mit Begegnung zu tun, Wahrheit kann nicht allein aus der Distanz erschlossen werden. In diesem Punkt hat die Postmoderne durchaus Recht. Bei der Frage nach Wahrheit wird das alte aufklärerische Ideal möglichst «keimfreier» wissenschaftlicher Distanz wenig Ergebnisse bringen. Das ist nicht nur in Glaubensfragen so, sondern auch bei jedem naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, wie zwei Klassiker der Wissenschaftsgeschichte gezeigt haben, «Personal Knowledge» von Michael Polanyi und «Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen» von Thomas Kuhn. Wahrheit erfährt nur, wer bereit ist, sie an sich heranzulassen.

«Wahrheit hat mit Begegnung zu tun, sie kann nicht aus der Distanz erschlossen werden.»

Es ist fast ein Gemeinplatz, lohnt sich aber als drittes Kennzeichen festzuhalten: Typisch postmodern ist die Hochschätzung persönlicher Erfahrung, ja das Bestehen auf Erlebbarkeit, bevor man etwas Neues an sich heranlässt. Das kann man als Nachteil verstehen, weil wir Glaubenserfahrungen eben nicht «produzieren» können. Wir können anderen gegenüber von unserem Glauben zunächst nur sprechen. Selbst wer dabei von eigenen Erfahrungen mit Gott erzählt, wird nicht zwingend andocken. Denn die Zuhörer können immer unschuldig zurückfragen: «Und wenn ich das selbst nicht so erlebe, was dann?» Gerade weil ich die je eigenen Erfahrungen, die Menschen auf dem Weg zum Glauben machen, respektieren möchte, gerade deswegen bin ich eher zurückhaltend, zu viel und zu sehr von eigenen Erfahrungen im Glauben zu sprechen. Nicht zuletzt sind Gedankengänge und Argumente für meine Zuhörenden auch viel einfacher zu verstehen.

Und doch ist die postmoderne Erfahrungsorientierung natürlich eher eine Chance für die Evangelisation. Man kann jetzt tun, was man vor 20, 30 Jahren noch nicht so einfach konnte: Man kann dazu einladen, sich auf eigene Erfahrungen mit Gott einzulassen, und wenn nur probeweise. Man muss natürlich vorsichtig sein, dabei nichts Falsches zu versprechen. Gott «funktioniert» eben nicht unter Laborbedingungen. Aber ich mache gute Erfahrungen damit, genau das offenzulegen. Etwa so: «Man kann auch testweise beten. Man setzt sich zu Hause hin, spricht leise und in Gedanken zu Gott – das ist deutlich unterhalb der Peinlichkeitsschwelle – selbst wenn man noch nicht sicher ist, ob und mit wem man da redet. Man kann z.B. sagen: ‚Gott, ich weiss nicht, ob es dich gibt und wer du bist. Aber wenn es dich gibt, und wenn du so bist, wie Christen es beschreiben, dann würde ich gerne etwas von dir bemerken.’ Ich kann nicht garantieren, dass sich daraufhin irgendwelche wundersamen Erscheinungen einstellen. Ich kann es auch nicht ausschliessen. Aber ich bin sicher, dass Gott so ein Gesprächsangebot hört und darauf eingeht, behutsam und individuell.» Keinesfalls sollten wir Erfahrungsorientierung gegen Argumentation ausspielen. Die beiden Zugänge ergänzen sich. Auf dem Weg zum Glauben ist immer der ganze Mensch im Spiel, sein Wollen, sein Erleben, sein Verstand. Die Verkündigung tut daher gut daran, ihr Repertoire entsprechend zu erweitern – um Bilder und Erzählungen, die Argumentation und Imagination verbinden.

Das vierte Kennzeichen postmodernen Empfindens ist das Spannungsfeld zwischen Individualisierung und Beziehungsorientierung. Zum einen lässt sich die Postmoderne als radikalisierte Moderne verstehen: Es entscheidet immer der einzelne Mensch, und das idealerweise kraft seines Intellekts. «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung», erklärte Immanuel Kant. Das wirkt bis in die Postmoderne nach – die Skepsis gegenüber Autorität und der Einzelne als Herr seiner selbst. Mit dem wichtigen Unterschied, dass der Einzelne mit seinem Verstand auch selber fragwürdig geworden ist: Was ist, wenn meine Logik nicht mehr vertrauenswürdig ist? Was ist, wenn ich mir nicht einmal mehr sicher bin, wer ich selbst bin und was ich wert bin? Dann werden die alten Autoritäten letztlich nur durch andere, neue ersetzt, die nicht weniger fordernd sind: die Meinung anderer Menschen, das Leistungsprinzip, Modeströmungen und Trends.

Sehnsucht nach Annahme

Parallel dazu herrscht eine grosse Sehnsucht: Die einzelne Person will mit sich nicht allein sein, sie sucht nach Gemeinschaft – und ist doch stets auf der Hut vor allem, was nach Vereinnahmung riecht. Es ist eine Kunst, auf diese Spannung einzugehen. Dabei kann helfen, wenn wir zu Begegnungen im kleinen Kreis einladen und dabei bewusst Hintertüren offenlassen: «Du kannst jederzeit gehen, du musst nichts unterschreiben.» Wenn wir zur eigenen Stellungnahme einladen und zugleich andeuten, dass das Gespräch mit anderen dabei hilft: «Ich kann dir die Entscheidung über die Frage nach Gott nicht abnehmen. Das ist ganz allein deine Sache. Ich habe aber erlebt: Es hilft, damit nicht allein zu bleiben. Es hilft, mit anderen im Gespräch zu sein.» An unseren Unis und Hochschulen haben wir es mit einer interessanten Mischung aus modernem und postmodernem Denken und Fühlen zu tun. Darauf wollen wir reagieren, wie es schon Paulus tat (vgl. Apostelgeschichte 17,22 – 24): Er stellt sich mitten auf den weltanschaulichen Markt der Möglichkeiten, auf den Areopag in Athen, ungeschützt und mit nichts anderem als seinen Worten, und sagt sinngemäss: «Mich beeindruckt, wie religiös ihr seid. Wie ihr nicht aufhören könnt zu suchen, was ihr noch nicht gefunden habt. Jetzt möchte ich euch zeigen, was das eigentlich ist – wer das eigentlich ist, auf den alles in dieser Welt ankommt!»