Auf der Suche nach Menschen mit Charakter: Was haben uns Dietrich Bonhoeffer, Martin Buber und die Bergpredigt zu sagen, wenn es um gesellschaftliches Engagement geht?

Was braucht es, damit eine blühende Gesellschaft entsteht? Wie können Menschen herangebildet werden, die in der Lage sind, eine gesunde Nation aufzubauen? Mit diesen Fragen sah sich der Jude Martin Buber ab 1938 konfrontiert, nachdem er aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Palästina entkommen war. Eine Antwort gab er 1939 vor jüdischen Lehrern in Tel Aviv unter dem Titel: «Über Charaktererziehung». Er beginnt mit dem programmatischen Satz: «Erziehung, die diesen Namen verdient, ist wesentlich Charaktererziehung.»

Buber sieht vor seinem inneren Auge Menschen, die befreit von kollektiven Zwängen in der konkreten Situa­tion das Gute und das Richtige tun. Solche Menschen handeln verantwortlich aus der Einheit ihrer Person heraus. Das kann allerdings, so Buber, nur gelingen, wenn «die ewigen Werte» erkannt und anerkannt werden. Er fordert im abschliessenden Satz, dass es die pädagogische Aufgabe sei, Menschen «vor das Angesicht Gottes zu stellen».

Buber ist nicht der einzige, der in jenen Krisenjahren solches schreibt. Ich denke an Dietrich Bonhoeffers «Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943: Nach 10 Jahren» (zehn Jahre nach der Machtübernahme durch Hitler). Bonhoeffer will «gewonnene Ergebnisse auf dem Gebiet des Menschlichen» reflektieren und fragt: «Wer hält stand?» Der Text schliesst mit der Frage: «Sind wir noch brauchbar?» Da lesen wir: «Nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Taktiker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen. Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug geblieben sein, dass wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit wiederfinden?»

«Es geht im christlichen Glauben nicht um die Erlösung von Menschsein, sondern um die Erlösung zum Menschsein.»

Ich springe in die Gegenwart: Am 2. November 2016 hält Christoph Stückelberger im Rahmen seiner Emeritierung an der Theologischen Fakultät der Universität Basel seine Abschiedsvorlesung. Titel: «Integrität: Die Tugend der Tugenden. Der christliche Beitrag zu einer globalen Tugend für Wirtschaft und Politik».

Kaum jemand hat sich so engagiert für ethisch verantwortliches Handeln weltweit eingesetzt, wie Stückelberger. Schier rastlos hat er während Jahrzehnten internationale Unternehmen, non-Profit-Organisationen und Regierungen beraten und angeleitet, ethische Standards in ihren Verfassungen, Leitbildern und Regelwerken zu verankern.

Evangelium und Charakterbildung

Im Rückblick bestätigt Stückelberger die Notwendigkeit von guter Strukturenethik. Er stellt aber auch besorgt fest, «dass scheinbar selbstverständliche Tugenden wie Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit stark abzubröckeln scheinen», und er realisiert, dass grundlegende Tugenden, wie Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Integrität nicht von Policies und Verordnungen hervorgebracht werden. Sie müssen von den Menschen verinnerlicht und gelebt werden. Das fordert Charakterbildung. Fast im Stile einer Predigt fordert Stückelberger zum Schluss: «Der spezifisch christliche Beitrag liegt dabei nicht so sehr im Inhalt dieser Tugend als in der Befähigung der Glaubenden, Integrität zu leben aus der befreienden Zusage des Segens Gottes, aus dem Mut und der inneren Unabhängigkeit, die aus der Christusbeziehung entsteht und mit der Energie und Gewissheit des Heiligen Geistes.»

Die Christen haben den Ball, der ihnen hier zugespielt wird, nicht oder nur zögerlich aufgenommen. Schade. Es ist ein Steilpass, der Potenzial hat. Natürlich gibt es eine schmale, aber bemerkenswerte literarische Spur, die sich durch das christliche Denken der letzten Jahrzehnte zieht. Sie führt von Stanley Hauerwas («Character and the Christian Life», 1975) und Alasdair MacIntyre («After Virtue», 1981) bis zu N.T. Wright («Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakters», 2011) und Miroslav Volf («Theology and the Good Life», 2015). Doch diese mehrheitlich akademischen Arbeiten haben nur vereinzelt die Basis der Kirchen erreicht. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Die Fragen, die Buber, Bonhoeffer und Stückelberger aufwerfen, würden frischen Wind in manche etwas verstaubte theologische Diskussion bringen. Ich meine zentrale Fragen wie: Was ist denn eigentlich das Evangelium? Was ist Kirche? Was ist die Mission der Christen in der Welt? Wofür hat Jesus sein Leben investiert? Die Diskussionen der letzten Jahrzehnte kreisen ja mehrheitlich um die Kontroverse zwischen denjenigen, die das individuelle Seelenheil im Blick haben, und denen, die einen christlichen Beitrag zu «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» leisten wollen. Selbst da, wo man nach einem «ganzheitlichen» Verständnis von Evangelium und Mission strebt, bleibt man nicht selten in den alten Kategorien stecken. Die Erlösung des Individuums und die gesellschaftliche Verantwortung werden dann einfach addiert. Die Frage nach der Charakterbildung, die uns Buber, Bonhoeffer und Co. vorlegen, führt tiefer, direkt zur Schnittmenge von individueller und gesellschaftlicher Transformation. Das ist doch genau das Argument von Stückelberger und den anderen oben Zitierten: Gute Gesellschaften bedingen Menschen mit gutem Charakter. Guter Charakter wird kultiviert, wenn der Mensch seinem Schöpfer begegnet und sich von ihm zurechtbringen lässt.

Dazu muss man allerdings verstehen, dass es im christlichen Glauben nicht um die Erlösung vom Menschsein geht, sondern um die Erlösung zum Menschsein. In der Bibel läuft das unter dem Thema «das Evangelium vom Reich Gottes». Auch darüber gibt es endlose theologische Kontroversen. Ist das Reich Gottes diesseitig oder jenseitig, gegenwärtig oder zukünftig, individuell oder gesellschaftlich, an Jesus gebunden oder allgemein spirituell, in der Kirche realisiert oder universal? Was aber, wenn wir auch das Thema Reich Gottes unter dem Blickwinkel der Persönlichkeits- bzw. Charakterbildung sehen? Ich wage einen Versuch.

«Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören. Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen.»

Tanzen zur Musik Gottes

Der kroatische Theologe Peter Kusmic sagte einmal: «Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören. Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen». Die Metapher vom Tanzen kann zu beschreiben helfen, worum es in der Story der Bibel geht. Der Mensch ist als Gegenüber Gottes geschaffen – als Gottestänzer sozusagen. Es kommt gut mit dem Menschen, wenn er nach der Musik des Himmels tanzt. Die Bibel verschweigt allerdings nicht, dass sich der Mensch entschieden hat, nach anderer Musik zu tanzen. Das Resultat haben wir tagtäglich vor Augen: Der Mensch ist zum Stolperer geworden. Es ist wohl wahr, was Wolfgang Dyck treffend formuliert hat: «Ohne Schöpfer ist das Geschöpf bald erschöpft.» Aber das ist nicht das Ende des Dramas. Ab dem 3. Kapitel des ersten Mosebuches erzählt die Bibel nichts anders als die Geschichte von Gottes Bemühungen, den Menschen wieder als Gottestänzer zu gewinnen – zu dessen Heil und Glück. Mit diesem Ziel hat er Abraham berufen, Israel errettet und die Propheten gesandt. Mit diesem Ziel ist er in Jesus selber in diese Welt gekommen und hat Kopf und Kragen riskiert, um seine Menschen wieder zu gewinnen. Das Leben und die Lehre von Jesus, sein Sterben am Kreuz und seine Auferstehung haben kein anderes Ziel als dieses: Dass die Musik des Himmels auf der Erde wieder gehört wird, und dass die Menschen wieder beginnen, danach zu tanzen. Das ist die Königsherrschaft Gottes – dass Gott die Musik macht, und dass die Menschen danach tanzen.

Die Formulierung «im Himmel und auf der Erde» führt uns zu zwei Schlüsselstellen in der Evangelienerzählung des Matthäus: Der auferstandene Jesus ist von Gott als Herrscher «im Himmel und auf der Erde» eingesetzt (Matthäus 28,18). Seine Herrschaft ist jedoch nicht ein Gewaltregime, das seine Macht mit Armeestärke durchsetzt und Angst und Schrecken verbreitet. Dieser König ist von den Propheten als gewaltfreier (sanftmütiger) Friedensfürst angekündigt worden. Das ist Königsherrschaft nach der Musik des Himmels. Dieser König hat in seiner kurzen Schaffenszeit eine Schule gegründet, in der Gottestänzer(innen) ausgebildet werden. Und am Ende der Evangelienerzählung sendet er seine Leute in alle Welt, um die Menschen in die Tanzschule von Jesus einzuladen. Im Zentrum der Ausbildung steht ein Gebet, und im Zentrum des Gebets die Formulierung «wie im Himmel, so auch auf der Erde» (Matthäus 6,10). Der volle Wortlaut dürfte vielen nicht unbekannt sein: «Unser Vater im Himmel. Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde.» So beten Menschen, die sich aufmachen, wieder nach der Musik des Himmels zu tanzen. Menschen, die beginnen, den Rhythmus des Himmels aufzunehmen, werden von innen heraus transformiert. Tugenden wie Demut, Betroffenheit angesichts der Not anderer, Gewaltfreiheit, Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, innere Klarheit, Streben nach Frieden und Bereitschaft zum Leiden werden in der Jesusgemeinschaft kultiviert (die sogenannten Seligpreisungen). Diese Gemeinschaft wird als alternative Sozialordnung nicht verborgen bleiben. Wie eine Stadt auf einem Berg kann man sie sehen. Menschen, die in der Jesus-Schule wieder zu Gottestänzer(innen) werden, wirken in ihrer Umgebung, wie Licht in der Finsternis und Salz in der Speise.

Es geht nicht nur um «Seelenheil» oder «Weltverbesserung». Es geht um die Erlösung zum Menschsein in der Begegnung mit dem Vater im Himmel in der Jesusgemeinschaft. Dort wird der Mensch zum Menschen. Da, wo Menschen beginnen, nach der Musik des Himmels zu tanzen, können Beziehungen und soziale Strukturen, Gesellschaften und Kulturen heilen. Das ist das Evangelium vom Reich Gottes, das ich in der Bibel vorfinde.

Die Bibel ist ein ehrliches Buch. Mit Realitätssinn sagt der Apostel Paulus, dass wir «diesen Schatz in zerbrechlichen Gefässen» haben (2. Korintherbrief 4,7). Die Geschichte der Kirche dokumentiert diese Realität. Nichtsdestotrotz bezeugen wir das, was wir als Evangelium erkannt haben, «in kühner Demut» (David Bosch).