Durch die Texte der Bibel spricht Gott ins Leben der Menschen und prägt ihr Denken, ihren Glauben und ihr Handeln. Wir lesen die Bibel nicht, um etwas dabei zu gewinnen, sondern weil wir Gottes Liebe erfahren haben und wissen wollen, wer und wie er ist.

Als ich in Konstanz ganz neu in der christlichen Studierendengruppe war, erlebte ich eine interessante Geschichte. Unser Gruppenleiter hielt eine Andacht über zwei Gleichnisse, die er zu einem vermischte, etwa in der Art der «sieben fetten und sieben mageren Jungfrauen». Darauf angesprochen, dass er soeben eine Auslegung zu etwas gegeben hatte, das gar nicht in der Bibel steht, war ihm nicht bewusst, wo das Problem lag. Auch in unseren VBG-Gruppen beobachte ich, dass nur wenige Christinnen und Christen die Bibel wirklich kennen. Die meisten haben noch nie die ganze Bibel gelesen. Bei theologischen Diskussionen oder Entscheidungsfindungen wird selten gefragt, was zu diesem Thema in der Bibel steht. Die Leitungsteams tun sich damit ebenfalls schwer.

Es fehlt der scharfe Verstand

In der Kirchengeschichte sind Zeiten, in denen die Bibelkenntnis stark zunahm, als einzelne Intervalle erkennbar. Oft waren es Zeiten, in denen die Christen bedrängt wurden und sich auf ihr Fundament zurückbesinnen mussten. Wenn Christinnen und Christen es heute nicht mehr für nötig halten, die Bibel zu kennen, kann das ein Hinweis auf nicht-konfrontative Umstände sein. Doch der fehlende Gegenwind könnte auch dafür sprechen, dass die Gläubigen sich dem säkulären Umfeld zu sehr angepasst haben. Diese Entwicklung vermute ich bei uns. Es fehlt der scharfe, informierte Verstand, der im Licht der Bibel menschenfeindliche Tendenzen frühzeitig, also vor Manifestation negativer Folgen, erkennen und kontern könnte. Damit einher geht die unkritische Angleichung an externe Gegebenheiten, an die Gesellschaft, den Wohlstand, den Egoismus und Individualismus. Paradoxerweise war es dabei nie einfacher als heute, die Bibel zu kennen. Verschiedenste Übersetzungen, Kommentare, Studienbibeln, selbst Interlinearübersetzungen der hebräischen und griechischen Quellentexte sind allgemein verfügbar. Auf Youtube können verschiedene Versionen komplett gehört werden. Apps und Computerprogramme erlauben das Lesen und Studieren online und offline. Was fehlt uns also, abgesehen vom erwähnten Gegenwind?

Wir ernten, was wir säen

Es ist in erster Linie die Zeit. Die tägliche Bibellektüre ist in jeder Kürze oder Länge aktive Beziehungspflege mit Gott. Dabei gilt: Wir ernten, was wir säen. Ein schnelles Lesen von ein oder zwei Kapiteln kann niemals das leisten, was in der Stille, im ruhigen Gespräch mit Jesus geschehen kann. Wenn wir zulassen wollen, dass, wie VBG-Pionier Hans Bürki in seinem Buch «Das Leben gewinnen» schreibt, aus zwei Minuten Bibellese zehn werden, dann müssen wir zehn Minuten einplanen. Es kommt uns vielleicht absurd oder unverantwortlich vor, dass Menschen wie Samuel Hebich (1803 – 1868), der mit der Basler Mission in Indien tätig war, täglich, oft auch nachts, mehrere Stunden in Gebet und Bibellesen investierten. Trotz fehlendem Schlaf hatten sie in ihrem Leben und ihrer Arbeit viel Gelungenes vorzuweisen. Können wir dasselbe von uns sagen?

Ich denke, es ist Zeit, dass wir uns wieder bewusst machen: Ohne die Bibel fehlt uns die Grundlage des christlichen Glaubens. Sie ist das zentrale christliche Schriftzeugnis, und mehr als das: Sie ist der Prüfstein jeder spirituellen Erfahrung. Eine Gottesbegegnung ist mehr als ein LSD-Trip, der subjektiv prägend, aber objektiv aussagelos ist. Bei der Unterscheidung von Halluzination und Wirklichkeit spielt aber die Bibel als Richtschnur eine essentielle Rolle. Ebenso ist das, was wir ohne jegliche Bibelkenntnis «Jesus» nennen, beliebig und subjektiv. Den Weltherrscher, der für uns ans Kreuz ging, lernen wir erst durch die Bibel richtig kennen. Unser Glaube braucht das Element der göttlichen Offenbarung in der Bibel, denn sie ist die Selbsterklärung Gottes. Auch in der VBG muss es unser zentrales Ziel sein, das Bibellesen als Grundlage allen Denkens im Glauben zu pflegen. Erst in zweiter Instanz können Apologetik und die Beschäftigung mit Glaubensausprägungen darauf aufbauen.

Wie wir «weise handeln» können

Die tägliche Bibellektüre ist Teil der Beziehungspflege mit Gott und essenzieller Bestandteil des Im-Glauben-Bleibens. Es ist die demütigste Form des Kontakts zu Gott. In meiner täglichen Arbeit merke ich: Die Bibellese ist keine Zeit, die mir später fehlt, um alles bewältigen zu können. Im Gegenteil – in dieser Zeit setzt Gott Schwerpunkte, weist mich auf das hin, was heute dran ist und erinnert mich oft an das, was ich nicht vergessen soll (Matthäus 6, 33 – 34). Ich möchte stärker und mutiger darin werden, dafür gezielt Zeit zu reservieren. Denn noch bin ich weit vom biblischen Ideal entfernt: «Betet ohne Unterlass!» (1. Thessalonicher 5,17) und «Dieses Gesetzbuch soll nicht von deinem Munde weichen, sondern forsche darin Tag und Nacht […] und dann wirst du weise handeln!» (Josua 1,8).