Botschafter der Freude

 

«Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche. Darum ist es für jeden Christen und jede Christin unverzichtbar, Gottes Wort zu verkünden und seinen/ihren Glauben in der Welt zu bezeugen.» Mit diesen Sätzen beginnt ein bemerkenswertes Dokument mit dem Titel «Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt». Und was noch bemerkenswerter ist: Das Dokument wurde vom Ökumenischen Rat der Kirchen, vom Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und von der Weltweiten Evangelischen Allianz gemeinsam formuliert.

Es scheint also ein breiter Konsens darin zu bestehen, dass es zum Wesen christlicher Existenz gehört, Botschafterinnen und Botschafter des Evangeliums zu sein. Doch was ist das, was Christen und Christinnen «Evangelium» nennen – dem Wortsinn nach eine «gute, frohmachende Botschaft oder Nachricht»? Und: Was genau ist das «Gute» an dieser «guten Nachricht»?

Wenn wir heute von der christlichen Botschaft als «Evangelium» sprechen, knüpfen wir damit an eine mehr als 2500 Jahre alte Begrifflichkeit an, wie wir sie z.B. im alttestamentlichen Jesajabuch finden (Jesaja 52,7): «Wie lieblich klingen die Schritte des Freudenboten auf den Bergen, der Frieden verkündet, der gute Botschaft [d.h. Evangelium] bringt, der Rettung verkündet, der zu Zion spricht: Dein Gott ist König geworden!»

Nach Jesaja ist das «Evangelium» also die gute Nachricht von der Königsherrschaft Gottes, die Frieden zum Inhalt hat. Im Neuen Testament wird diese Botschaft weiter präzisiert und auf Jesus gedeutet, etwa in der programmatischen Ankündigung der Engel in der Weihnachtserzählung (Lukas 2,10-14): «… und der Engel sagte zu ihnen: ‹Ihr braucht euch nicht zu fürchten! Ich bringe euch eine gute Nachricht [d.h. Evangelium], über die im ganzen Volk große Freude herrschen wird. Heute ist euch in der Stadt Davids ein Retter geboren worden; es ist der Messias, der Herr…› Mit einem Mal waren bei dem Engel große Scharen des himmlischen Heeres; sie priesen Gott und riefen: ‹Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht›.»

Das Markusevangelium wiederum beginnt mit dem prägnanten Satz: «Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus.» Die grosse Linie des alten und neuen Testaments ist somit die «gute Nachricht» der Königsherrschaft Gottes, die in Jesus Christus realisiert wird und Frieden bringt.

Nach der Musik des Himmels tanzen

Allerdings ist die Idee eines mächtigen König-Gottes in einer aufgeklärten Kultur wie der unseren, die sich scheinbar von allen Herren befreit hat, schwer nachvollziehbar. Umso befremdlicher kann es wirken, wenn die christliche Gemeinde im Gottesdient unbekümmert Königslieder singt. Da heisst es etwa in einem Choral aus dem 18. Jahrhundert: «Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig.» Auch Texte neueren Datums stimmen in die Königsanbetung ein: «König ist der Herr. Völker gebt ihm Ehr. Um ihn steht und wacht / seiner Engel Macht, und vor ihm erbebt / alles, was da lebt» (1952) oder «Jesus, du bist König in unserer Mitte. Du regierst durch deinen Geist. Du hast deine Feinde überwunden, nun sitzt du auf deinem Thron» (1991).

Vor diesem Hintergrund ist es aufschlussreich wahrzunehmen, dass die Metapher «König» schon in biblischen Zeiten problematisiert wird. Gott selber stellt weltlichen Königsideen seine korrigierenden Königsvorstellungen gegenüber.1 An anderen Stellen wird das Bild eines König-Gottes durch dasjenige des Hirten ergänzt und so zurechtgerückt (z.B. Psalm 23).

Die Bibel vermittelt definitiv nicht das Bild eines Despoten- und Tyrannen-Gottes. Um das in einer für unsere Zeit fassbaren Sprache auszudrücken, schlage ich vor, die Königsherrschaft Gottes mit der Metapher des Gottestanzes zu beschreiben. Das klingt dann so: Der Mensch ist zum «Gottestänzer» geschaffen: Es kommt «gut» mit dem Geschöpf, wenn der Schöpfer die Musik macht und das Geschöpf danach tanzt. Andererseits gilt: «Ohne den Schöpfer ist das Geschöpf bald erschöpft» (Wolfgang Dyck). Wenn der Mensch beginnt nach anderer Musik zu tanzen, wird er zum Stolperer.

Man kann deshalb sagen: Gottes Reich ist da, wo Gott die Musik macht und der Mensch darauf hört und danach tanzt – zum Wohl des Menschen. Ja, Gott ist der Schöpfer und Herr des Universums und will als solcher respektiert werden (die biblischen Stichworte sind «Anbetung» und «Dankbarkeit», vgl. Römer 1,21). Er nimmt seine Herrschaft jedoch immer zugunsten seiner Schöpfung wahr, insbesondere zugunsten der Schwachen, Armen, Benachteiligten und Leidenden.2 Doch es gilt auch: Eine Menschheit, die nicht nach der Musik des Schöpfers tanzt, tanzt letztlich in den Tod.

Als gute Nachricht formuliert heisst das: Die Mächtigen und die Mächte dieser Welt haben – Gott sei Dank – nicht das letzte Wort. Diese Welt ist weder dem Zufall noch ihrem Schicksal überlassen. Es gibt einen Schöpfer und der lässt seine Schöpfung nicht los. Gottes Herrschaft bedeutet Fürsorge, Gerechtigkeit und Frieden. Wenn wir Menschen auf die Musik des Schöpfers hören und danach tanzen, dann kommt es gut – mit uns und mit der Welt. Obwohl wir Menschen immer wieder nach anderer Musik tanzen, bleiben Gottes Zuwendung und Liebe unerschöpflich – selbst Berge mögen wanken, doch die Friedenszusagen Gottes werden nicht.3

Gottes Herrschaft hat ein menschliches Gesicht

Für die ersten Zeugen, die hinter den Schriften des Neuen Testaments stehen, ist klar: Die Gottesherrschaft, von der die Propheten gesprochen haben, ist in Jesus von Nazareth, dem Messias Israels, realisiert und personifiziert. Oder noch pointierter: «Jesus ist das Reich Gottes» (Lesslie Newbigin). Alle Vorstellungen von der Gottesherrschaft müssen nunmehr durch die Brille des Lebens und insbesondere der Lebenshingabe von Jesus gesehen werden. Die «gute Nachricht von Jesus Christus» hat mehrere Facetten:

  • In Jesus kommt Gott selber in seine Welt. Er sucht und besucht seine Menschen und wird einer von ihnen.4 Er repräsentiert den Vater bei den Menschen. Wer ihn sieht, sieht Gott. In Jesus begegnen wir der Liebe Gottes.

  • Jesus erweist sich als der wahre Mensch. Der perfekte Gottestänzer. Er lebt das wahre Leben in Anbetung, Dankbarkeit und Gehorsam. Er gibt sein Leben ungeteilt für Gott hin – durch alle Versuchungen und Wiederstände hindurch. So wird er zum «zweiten Adam» und repräsentiert die Menschen vor dem Vater im Himmel.

  • Sein Tod am Kreuz ist zuerst einmal eine schlechte Nachricht: Die Menschen töten den, der das Leben bringt,5 den Gottestänzer, den Repräsentanten Gottes. «Die Welt» hasst ihn, sein eigenes Volk lässt ihn fallen, ja letztlich verlassen ihn selbst seine besten Freunde. Auf den ersten Blick ist das die grosse Krise Gottes. Sein Repräsentant wird von den Menschen zum Sündenbock gemacht, hingerichtet, geopfert (victim). Bei genauerem Hinsehen ist es allerdings die grosse Krise der Menschheit.6 Die Menschen schneiden den letzten Faden durch, an dem ihr Schicksal hängt. Ist das das Ende? Wer kann den Sturz in den Abgrund der endgültige Gottlosigkeit, den Tod, noch aufhalten?

  • Gott in Jesus Christus wandelt die schlechte Nachricht des Kreuzes um in die guten Nachricht der Feindesliebe Gottes. Gott lässt sich lieber hinausdrängen, als dass er zu bösen Mitteln greift, um gute Ziele zu erreichen. Die Menschenliebe Gottes ist stärker als der Gotteshass der Menschen. Ja, noch mehr: Gott tritt am Kreuz an die Stelle der Menschen. Er, der perfekte Gottestänzer, «trägt» (d.h. nimmt auf sich) die Konsequenz der Sünde – die Gottferne, den Tod. Jesus gibt sein Leben «für uns» hin (sacrifice).

  • Und schliesslich die beste aller guten Nachtrichten: «Der Tod kann ihn nicht halten» (Apostelgeschichte 2,42). Über den, der dem Vater im Himmel ungeteilt treu war, hat der Tod keine Macht. Er wird zum Vorläufer einer neuen Schöpfung. Wer immer sein Leben vertrauensvoll an ihn bindet, wird in seine Lebensgeschichte hinein genommen, und der Tod hat keine Macht mehr über ihn.7

Das Geheimnis einer neuen Menschheit

Von alttestamentlichen Propheten über das Leben und die Lehre von Jesus bis in die neutestamtlichen Briefe hinein heisst es unisono: Reich Gottes bedeutet «Gerechtigkeit, Friede und Freude» (Römer 14,17). Das ist die Lebensqualität, die in der Bibel am umfassendsten mit dem hebräischen Begriff «Schalom» umschrieben wird.

Im ursprünglichen Sinn des Wortes geht es dabei um Geld und Schulden. Schalom ist dann, wenn alle Schulden beglichen sind; dann, wenn wir uns in die Augen schauen können und fragen: «Freust du dich, mich zu sehen, oder ist noch etwas nicht in Ordnung zwischen uns?» (Otto Betz). Schalom umfasst dabei nicht nur die zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch die Beziehungen zur ganzen Schöpfung, ja selbst die Beziehung zum Schöpfer.

Natürlich wissen wir, dass wir nicht nur finanziell schuldig werden. Verletzungen, Schmerz und Unrecht – das meiste, das wir uns gegenseitig, der Schöpfung oder dem Schöpfer zufügen, können wir nicht mit Geld wiedergutmachen. Da sind wir umso mehr auf Vergebung angewiesen, also auf «Freilassung» von unserer Schuld und Verzicht auf Bestrafung. Schalom ist dann, wenn wir dem Schöpfer und der ganzen Schöpfung in die Augen schauen können, wenn alle Schuld aus dem Weg geräumt ist. Kann das Wirklichkeit werden?

Für den Apostel Paulus ist klar: Die gute Nachricht besteht im Wesentlichen darin, dass Versöhnung und Frieden auf allen Ebenen Wirklichkeit werden kann. Das ist möglich, weil Jesus Christus den Schalom-Preis bezahlt hat und dadurch zwischen Mensch und Gott, wie auch zwischen Mensch und Mensch Versöhnung geschaffen hat. Das Geheimnis einer Neuschöpfung der Menschheit, wie es Paulus beschreibt, ist die beste Nachricht, die wir uns überhaupt vorstellen können.8 Versöhnung und Frieden sind möglich. Die Gemeinschaft der Christen ist dazu berufen, als «Schalom-Gemeinschaft» zeichenhaft den Anbruch einer neuen Menschheit zu verdeutlichen. Mitten in einer Welt, die von Schuldverstrickungen, Feindschaften und Kriegen geprägt ist, werden sie auf diese Weise selber zur «guten Nachricht» der Hoffnung, des Friedens und der Freude.