Die sechs spirituellen Traditionen der VBG

 

2004 hat Felix Ruther, der damalige Leiter der VBG, sechs «Traditionen» aus der Kirchengeschichte skizziert, die die spezifische Glaubenspraxis der VBG auszeichnen. Die sechs Traditionen erschienen erstmals in Ausgabe 7/2004 des VBG-Magazins «Bausteine».

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«Vor einigen Jahren haben sich die VBG von ihrer alten Glaubensbasis gelöst. Sie ist den Mitarbeitenden im Verlaufe der Zeit zu eng geworden. Nun formulieren die VBG ihre zentralsten Glaubensinhalte nicht mehr in einem eigenen Bekenntnis, sondern stimmen mit allen anderen Christen in das alte Credo1 ein. Mit diesem Wechsel wuchs aber auch der Wunsch, die Spiritualität unserer Bewegung noch klarer zu umschreiben.

Angeregt durch die Renovaré-Bewegung um Richard Foster, begann ich, die VBG-Geschichte nach ihren spirituellen Schätzen zu durchforsten und formulierte die vorliegenden sechs Traditionen mit je zwei Schwerpunkten. Sie sollen uns als geistliche Leitlinien dienen.»

 

Felix Ruther

Aus den monastischen Traditionen

Durch verschiedene klösterliche Traditionen wurde über die Jahrhunderte hinweg eine Schöpfungsspiritualität überliefert, die uns eine Ehrfurcht vor der guten2 Schöpfung lehrt, sowie zu einer grundsätzlichen Weltbejahung3 und sinnenfrohen Gottesbeziehung führt. Sie weist auch auf die Begegnungsmöglichkeit4 mit Gott in seiner Schöpfung hin. Gott und nicht der Zufall steht am Anfang5 der Schöpfung. Teile seines Wesens sind in seiner Schöpfung erkenn- und erfahrbar.6 Gottes Wesen offenbart sich in seiner Schöpfung, die nicht nur ist7, sondern sich selbst aus den von Gott in sie gelegten Kräften weiter entfaltet.8 Das gilt auch für den Menschen mit seinem schöpferischen Potential.9

Weil die Welt Gott gehört10, ist unser Umgang mit der Schöpfung nur dann angemessen, wenn wir sie bewahren und massvoll verwalten.11 Wenn wir nicht mehr an den Schöpfergeist12 glauben, wird die Welt zwangsläufig auf blosse Materie reduziert.

Die VBG will daher eine Bewegung sein, in der das Lob des Schöpfers auf verschiedene Art und Weise sichtbar wird:

  • Im konkreten Lob-Gebet und -Gesang, das dem Schöpfer dargebracht wird13
  • In der ehrfurchtsvollen Anerkennung der Gottes-Ebenbildlichkeit jedes Menschen, seiner Freiheit14, seiner Würde und seiner schöpferischen Fähigkeiten15
  • Im achtsamen und nachhaltigen Umgang mit der ganzen Schöpfung.

Weil sie Gott noch tiefer begegnen wollten16, haben viele Menschen immer wieder die Einsamkeit17 und Stille18 gesucht oder sich in kommunitären Gemeinschaften19 zusammengefunden, um einander bei dieser Gottsuche beizustehen.

Die tiefste Sehnsucht jedes Menschen ist die Sehnsucht nach Liebe. Diese Sehnsucht wird erst und nur in Gott20 ihre Vollendung finden. Der kontemplative Lebensstil quillt aus dieser Sehnsucht21. In ihm geht es um die Pflege der persönlichen Liebesbeziehung zum dreieinen Gott, sei es im Alltag, in der Einsamkeit oder in kommunitären Gemeinschaften.

Die kontemplative Tradition zeigt uns Wege, wie wir unser gesamtes Leben in der Gegenwart verwirklichen können, wie wir auch in aller Hektik und allen Sorgen des Alltags Raum für die Begegnung mit Gott gewinnen können. Sie verweist uns auch auf den Wert geistlich gefüllter Rituale. So lehren uns auch Jesus und die Apostel durch ihr Vorbild, dass ein Leben aus der Liebeskraft, die von Gott stammt, immer Stille, Einsamkeit, Fasten, Wüstentage, Gebet und Betrachtung benötigt.

Die VBG will daher eine Bewegung sein, in der die verschiedensten Formen der kontemplativen Tradition gelehrt und gemeinsam eingeübt werden.22

Aus den reformatorischen Traditionen

Die reformatorische Tradition hat die Bibel wieder ganz neu entdeckt. Weil die VBG davon ausgeht, dass sich Gott selber durch das von verschiedenen Autoren geschriebene Buch offenbart hat23, glauben wir, dass sich alle Äusserungen des christlichen Glaubens an diesen Schriften messen müssen24. Wir wissen, dass innerhalb der christlichen Kirche verschiedene Auffassungen darüber bestehen, wie die Inspiration der Bibel und deren Inhalte zu deuten sind. Uns ist dabei wichtig, zwischen den zentralen Wahrheiten der Offenbarung, wie sie sich im apostolischen Glaubensbekenntnis niedergeschlagen haben, und den verschiedenen Interpretationen und Traditionen zu unterscheiden. Als Bewegung möchten wir eine klare Verankerung im Zentrum unseres Glaubens – im Bekenntnis: «Jesus ist der Herr!»25 – vermitteln und daneben zu grosser Freiheit anleiten.

Im Umgang mit der Bibel soll uns nicht eine zugreifende und versachlichte Haltung prägen. Wir möchten in allem Forschen und theologischen Arbeiten nie den Beziehungsaspekt unseres Glaubens vergessen und im Umgang mit der Bibel eine betend-empfangende, ehrfurchtsvolle Demut pflegen.26 Eine Haltung, die sich nicht gegenüber theologischen Erkenntnissen verschliesst, die auch die Wirkungsgeschichte verschiedener biblischer Texte ernst nimmt und verschiedene anerkannte Auslegungstraditionen achtet.

Die VBG ist daher eine Bewegung, in der die Menschen immer wieder an die Bibel herangeführt werden, sei es in Gruppen oder durch Anleitung zur täglichen Bibelbetrachtung.27 Als Bewegung möchte sich die VBG an den in der Bibel offenbarten Wahrheiten orientieren.

In einer Zeit, als viele Christen glaubten, sich das göttliche Heil kaufen oder verdienen zu müssen, betonte die reformatorische Tradition wieder die befreiende biblische Grundwahrheit, dass das göttliche Heil als Geschenk bereit liegt.28 Seit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus29 und durch Jesu Tod30 und Auferstehung31 liegt dieses Geschenk für alle Menschen, unabhängig von ihrer «frommen» Vorleistung oder ihrer Herkunft, bereit.32 Wer das Geschenk der Gemeinschaft mit Gott ehrlich sucht, wird zu Gott umkehren33 und ihn um diese Gabe bitten, und Gott wird niemanden abweisen, der in dieser Haltung zu ihm kommt.34 Die VBG versteht sich grundsätzlich als Bewegung, die diese gute Nachricht vom geschenkten Heil weitersagen möchte.35

Wie alle Kirchen, die sich zum apostolischen Glauben bekennen, versteht auch die VBG die biblischen Aussagen von der Menschwerdung Gottes, vom Tod, von der Auferstehung Jesu, von seinem gegenwärtigen Wirken und seiner Wiederkunft als Mitte des christlichen Glaubens.36

Aus der charismatischen Tradition

Wenn die Traditionskirchen die Spontaneität des christlichen Glaubens zu verlieren drohten, schenkte Gott oft charismatisch-pfingstliche Aufbrüche. Diese Aufbrüche führten über die neue Betonung des Heiligen Geistes mit all seiner Unverfügbarkeit37 und seinen Kraftmanifestationen38 zu einer Belebung des enthusiastischen Christseins. Verkopfte Gottesdienste wurden im Zuge dieser Aufbrüche zu ganzheitlicheren Erfahrungen der unmittelbaren Gottesgegenwart.39

Gott schenkt durch die Kraft des Heiligen Geistes so viel, dass Geistergriffene davon abgeben können40 und nicht ständig mit ihrer geistlichen Armut konfrontiert sein müssen. Die Wirkungen des Heiligen Geistes sind mannigfach. Er wirkt spontan und oft überraschend.41 Er befreit von jeder Tyrannei42 und verleiblicht den Glauben. Kriterium für den Erweis des Geistes sind aber weder Zeichen noch Wunder noch Ergriffenheitserlebnisse, sondern das Christusbekenntnis43 sowie der Dienst jener Liebe, die den andern höher achtet als sich selbst.44 Die VBG betont, dass zur Initiation in den christlichen Glauben neben der Abkehr von todbringenden Werken45, dem existenziellen Vertrauen in Jesus46, der Taufe als öffentlichem Bekenntnis47 auch die Erfüllung im Heiligen Geist gehört.48 Gerade weil der Geist Christi der Geist der Liebe ist49, brauchen Christen für ihren Lebensvollzug ein täglich neues Erfülltwerden mit der Kraft des Heiligen Geistes.50

In den jüngeren charismatischen Aufbrüchen wurden die Gaben des Geistes (Charismen) wieder ganz neu entdeckt. Gottes Geist durchdringt einerseits natürliche Begabungsstrukturen51 und weckt andererseits neue Gaben.52 Diese Geistdurchdringung führt zu farbigen, einmaligen Persönlichkeiten53, die mit ihrem ganz speziellen Begabungsspektrum zum Dienst an der Gemeinde und der Welt gerufen sind.54

So verstehen sich Gaben immer auch als Aufgaben.55 Gabengemässes Leben führt einerseits zur Entlastung, weil Begabte auch um ihre Grenzen wissen; nicht jeder muss alles können.56 Andererseits wissen sich alle Begabten auch in der gegenseitigen Ergänzung aufeinander angewiesen.57

Die Reife einer gesunden Gottesbeziehung zeigt sich aber nicht in der Vielzahl der Begabungen, sondern in ihrer Durchdringung mit Liebe.58

Die charismatischen Aufbrüche haben auch neu betont, dass in allen alltäglichen Dingen mit der Gegenwart des Heiligen Geistes und seinen Impulsen gerechnet werden darf.59

Die VBG möchte den Menschen in ihren Reihen bei der Suche nach ihrem Begabungsspektrum beistehen und ihnen nach Möglichkeit Übungs- und Entfaltungsräume für ihre Gaben schaffen. Die Strukturen der VBG sollen daher so gewählt werden, dass Menschen in den verschiedenen VBG-Gruppen zu mündigen und farbigen Persönlichkeiten heranwachsen können.

Aus den sozial-ethischen Traditionen

In der Kirchengeschichte gab es immer wieder Bewegungen, die ihr Christsein vor allem darin verwirklicht sahen, dass sie sich den Schwachen und Armen in all ihren Nöten und Leiden annahmen.60 Diese Haltung findet ihren Grund im biblischen Gottesbild61 und im Lebenszeugnis von Jesus, dessen Blick nicht zuerst der Sünde des Menschen galt, sondern dem Leiden, und für den Sünde nicht zuletzt die Weigerung war, am Leid der anderen teilzunehmen. Seine Identifikation mit allen Menschen, ganz besonders mit allen, die irgendwie am Rande der Gesellschaft standen62, war so stark, dass er sagen konnte: «Was ihr einem dieser Geringsten tut, das tut ihr mir».63

Diese Hochachtung jedes Menschen64 ist ein Grundzug biblischer Anthropologie: der Mensch bleibt trotz all seiner Gefallenheit schöpfungsmässig Abbild Gottes. Er besitzt daher Würde, Eigenständigkeit und Eigenwirksamkeit sowie die Fähigkeit, vor sich selber, gegenüber dem Mitmenschen und vor Gott verantwortlich zu sein.65

Die VBG möchte sich daher für die Achtung der Menschenwürde einsetzen und in den verschiedenen Arbeitszweigen diakonische Projekte unterstützen. Innerhalb der Bewegung sollen die Menschen immer den Vorrang vor der Sache haben und auch ihre umfassende Eigenverantwortung wahrnehmen können.

Christliche Nächstenliebe wird nicht nur am einzelnen Mitmenschen konkretisiert. Sie will auch gesellschaftliche, kulturelle, wirtschaftliche und politische Strukturen durchdringen.68, damit seinen Mitmenschen, den nachfolgenden Generationen und der ganzen Mitwelt zu dienen. Alles Mitwirken an der Gestalt dieser Welt muss sich an der biblischen Vorstellung von Gerechtigkeit orientieren und soll auf ein umfassendes «Shalom» für alle Geschöpfe abzielen.

Die VBG versucht daher, durch ihre Tätigkeit in den verschiedenen Berufszweigen aufzuzeigen, dass sich christlicher Glaube auch in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen wirksam erweisen muss, wenn er nicht zum abgehobenen Schwärmertum verkommen will.

Aus der Scholastik

In der Scholastik des 13. Jahrhunderts wurde das Verhältnis von Glauben und Denken in einer ganz neuen Weise durchdacht. Dies führte einerseits zur Klärung des Glaubens und andererseits zur Befreiung der Wissenschaft vom theologischen Diktat.

Ein Glaube, der um seine guten Gründe und Grenzen weiss1, kann sich ganz offen allen Fragen stellen2 und muss auch jene Fragen, die mögliche Hindernisse für den Glauben darstellen können, nicht verdrängen. Dieses Verdrängen geschieht, wenn wir unser Denken gewaltsam abbrechen, weil es zu gefährlichen Konsequenzen zu führen scheint.

Kein Mensch und kein Christ darf sich unter Berufung auf den Glauben vom Denken dispensieren3. Die Liebe zu Gott, dem einzig Wahrhaftigen4, verbietet es auch, in denkerischen Auseinandersetzungen Tatsachen zu verschweigen, die uns unbequem sind, Argumente der Gegenposition zu karikieren5 und nur Gründe für die eigene Überzeugung ins Licht zu rücken.
In den VBG-Gruppen soll daher immer eine Atmosphäre der Offenheit herrschen6, die es allen Beteiligten ermöglicht, ihre Fragen und Ansichten in die Diskussion einzubringen. Die VBG möchte sich auch den Anfragen von aussen stellen.

Die scholastische Tradition betonte, dass Gottes Wesen und sein Wille deckungsgleich sind7. Werte8, Denkgesetze9 und Naturordnungen10 sind von Gott gesetzt11, aber nicht willkürlich, sondern in Übereinstimmung mit seinem Wesen. Damit können nicht nur aus der biblischen Offenbarung, sondern auch aus der geschaffenen Welt Rückschlüsse auf Gottes Wesen und Art gezogen werden12. Das scholastische Denken erhielt gerade darin sein Gepräge, dass es die ganze Wissenschaft und die ganze Welt, trotz ihrer Gefallenheit, mit Gott in Verbindung brachte13. Die VBG teilt die Ansicht der Scholastik, dass jede Wahrheit von Gott stamme14, wer immer sie auch erkenne. Damit kann das, was durch einen recht geleiteten, biblischen Glauben überliefert wird, dem nicht widersprechen, was durch die in ihren Grenzen forschende, natürliche Vernunft erkannt wird. Daher anerkennen wir dankbar Erkenntnisse, die von einer Wissenschaft zu Tage gefördert wurde, welche ihren Geltungsbereichen nicht verlässt.

Aus den Heiligungsbewegungen

Die Heiligungsbewegungen haben das Ausgesondertsein1 für Gott („Heiligkeit“) betont. Dabei ist die geschenkte Heiligkeit2 der Ausgangspunkt praktizierter Heiligung3 – der zunehmenden Umgestaltung in Gottes Wesensart4. Für eine gesunde Spiritualität darf die Spannung zwischen der geschenkten Heiligkeit und der Heiligkeit als Ziel nicht aufgehoben werden5.
Beim Einüben guter Gewohnheiten und Haltungen geht es darum, mit dem Wirken des Heiligen Geistes Schritt zu halten. Heiligung geschieht dort, wo sich Gottes Heilswirken6 und menschliches Mitwirken7 in geheimnisvoller Art und Weise begegnen und ergänzen8.

In der Beziehung zu Gott äussert sich die Heiligung als aufrichtiges Verlangen, Gott in Liebe und Treue, durch Hingabe und Lobpreis zu gefallen9. Dadurch steht Heiligung einer Religiosität entgegen, die zuerst ihre eigene Befriedigung sucht. Heiligung ist aber immer mehr als die Vollendung des einzelnen Gläubigen oder der Kirche. Heiligung zielt auch auf die ganze Welt, mit der Gott an sein Ziel kommen will10.

Die Heiligungsbewegung betont die Heiligkeit Gottes11. Gott offenbarte sich nicht nur als der nahe Freund12, er ist auch der immer Andere, der Unverfügbare13. Gott kann auch meine Pläne und Wünsche durchkreuzen.

Die VBG erachtet es als wichtiges Ziel, zu einem biblischen Gottesbild zu führen, das Liebe und Gericht14, Triumph und Leiden15, Allmacht und Nähe16 umspannt, im vollen Bewusstsein, dass nur Gott selber absolut und unwandelbar ist, nicht aber unsere Gotteserkenntnis17.

In der Beziehung zur Sünde erscheint Heiligung als Widerstandsbewegung18 und in der Gestalt von Disziplin, die man sich auferlegt, um allen Kräften und Neigungen abzusagen19, welche Entfremdung zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen bewirken.

Die Gemeinde Jesu ist daher stets ein Stück «Alternativbewegung» und «Protestgemeinschaft», oder sie wird zum faden Salz20. Diese Bewegung «weg von der Welt»21 hat ihren tiefen Sinn nicht in der Verneinung, sondern im Ruf «hin zu Gott». Unter «Welt» verstehen wir daher nicht Gottes gute Schöpfung, sondern die gott- und menschenfeindlichen Kräfte22. Die Absonderung von der Welt23 darf daher nie zu einer kultur- und bildungsfeindlichen, apolitischen24 und gesetzlichen25 Haltung führen.

Die VBG möchte sich immer wieder von der Frage nach dem spezifisch Christlichen leiten lassen und in allen Tätigkeiten und Äusserungen möglichst transparent sein. In Fragen der Individualethik will sie sich an den biblischen Normen orientieren. Diese Absicht wird durch die Überzeugung geleitet, dass ein Leben innerhalb der Ordnungen Gottes zur wahren Freiheit und tiefster Menschlichkeit führt26.

Übrigens: Das VBG-Gruppenheft «Glauben gestalten» nimmt das Anliegen der sechs Traditionen auf und gibt viele praktische Tipps zur Umsetzung!