Die Bibel aus jüdischer Perspektive

Vierzig Personen im Alter zwischen 26 und 83 Jahren finden sich an diesem milden Januarabend in der Casa Moscia ein. Allen gemeinsam ist der Wunsch, über den christlich-abendländischen Tellerrand hinauszuschauen und das eigene Bibelverständnis durch den Blick auf den jüdischen Kontext zu erweitern. Guido Baltes, evangelischer Theologe und Dozent für Neues Testament in Marburg, will die gemeinsamen Studientage als Schatzsuche verstanden wissen: «Der Blick auf die jüdische Welt kann uns dabei helfen, altbekannte Bibeltexte in neuem Licht zu sehen und tiefer zu verstehen.» Einige Perlen, die ich am Ufer des Lago Maggiore gefunden habe, möchte ich hier gerne teilen. 
Der Diskurs als heilige Disziplin
Zum innersten Kern der rabbinischen Kultur gehört die Tradition, dass Gelehrte paarweise auftreten und ihre Meinungsverschiedenheiten offen diskutieren. Zur Zeit Jesus sind dies Hillel und Schammai. Dabei geht es nicht um persönliche Rivalität, sondern um Lehrtraditionen, die bewusst nebeneinander dokumentiert werden. Wahrheit wird dabei als etwas verstanden, das sich im Streit der Auslegungen entfaltet. Der theologische Diskurs ist für Juden ein Arbeitsmodus, in dem Frage, Einwand, Gegenrede und Präzisierung zu einem dialogischen Miteinander verwoben werden. Dieses Ringen wird als Chance verstanden: Ein Gelehrter braucht den anderen, um eigene blinde Flecken sichtbar zu machen. Im Judentum wird die Vielfalt von Überzeugungen also nicht gefürchtet, sondern regelrecht gepflegt. Guido Baltes betont: «Gott hat die Schrift aus seiner Hand geben und uns die Auslegung seines Wortes anvertraut. Er kann mit Diskussionen und unterschiedlichen Sichtweisen leben. Wenn wir streiten, sollte unser Streit aber immer auf der Schrift begründet sein.» 
Ein Buchstabe als Einladung zur Demut
Die Bibel beginnt nicht mit dem Buchstaben A, sondern mit B, hebräisch Beth (ב). Dieser ist reich an Bedeutungen: Beth ist nach drei Seiten geschlossen und nur nach vorne offen.[1] Er lädt zu Demut ein. Wir sollen nicht fragen: «Was war vor der Schöpfung?» oder «Was geht über Gott hinaus?», sondern vielmehr darauf achten, was sich in der Welt und in der Geschichte Gottes – nach vorne – entfaltet. Übertragen auf unser Bibellesen könnte dies bedeuten: Wir müssen nicht alles verstehen. Manche Texte bleiben spannungsvoll und lassen sich (noch) nicht auflösen. Trotzdem dürfen wir uns auf Gottes Wort einlassen im Vertrauen darauf, dass es unser Leben prägt und verändert. 
Heimsuchung als Verheissung
In der deutschen Sprache ist das Wort «Heimsuchung» negativ konnotiert. Im Unterschied dazu ist die Übersetzung im biblischen Urtext keineswegs eindeutig negativ, im Gegenteil: Im Hebräischen und auch im Griechischen bezeichnet «Heimsuchen» in erster Linie ein aufmerksames «Sich-Zuwenden Gottes». Es bedeutet auch «dabei sein», «sich kümmern» oder «sich einer Sache annehmen». Wenn Gott also Missetaten heimsucht (vgl. Exodus 32, 34), muss dies nicht als Drohung, sondern darf vielmehr als Verheissung verstanden werden: Gott verspricht, sich um die Sünde zu kümmern, indem er sie selber trägt. In Jesus Christus am Kreuz wird dieses Versprechen eingelöst.Vieles von dem, was wir in diesen Tagen gehört haben, bleibt geheimnisvoll. Doch wenn unser Suchen von Wachsamkeit zeugt, wenn unser Ringen das Gegenteil von Gleichgültigkeit und unser Fragen Ausdruck der Sehnsucht nach Gott ist, dann darf das sein. Im besten Fall bringt es uns unseren jüdischen Geschwistern ein Stück näher. [1] Die hebräische Sprache wird von rechts nach links geschrieben und gelesen. 
7. bis 10. Januar 2027, Casa Moscia Paulus und seine jüdische Welt Studientage mit Dr. Guido Baltes www.vbg.net/auszeiten
Literatur: Baltes, Guido (2013): Jesus, der Jude und die Missverständnisse der Christen. Marburg an der Lehn: Francke-Buch GmbH. Baltes Guido (2020): Die verborgene Theologie der Evangelien. Die jüdischen Feste als Schlüssel zur Botschaft Jesu. Marburg an der Lehn: Francke-Buch GmbH.Andrea Signer-Plüss hat während Studientagen entdeckt, dass Guido Baltes nicht nur ein solider Bibelforscher und fundierter Kenner der jüdischen Literatur und Geschichte ist, sondern auch als nahbarer und humorvoller Lehrer überzeugt.