Pat Kliever über gesunde Führung, starke Teams und eine Kultur, die Menschen entwickelt.
Welche Person in deinem Leben hat das Kulturverständnis geprägt, das du heute hast?
Ich habe in Amerika und Australien unter Paul Gibbs gearbeitet, der eine christliche, international tätige Organisation leitet. Seine Art diese aufzubauen war sehr gesund. Man merkt es daran, dass jemand nicht nur Mission und Vision durchsetzen will, sondern sich auch um die einzelnen Menschen kümmert.Ein anderer ist Tony Miller: Kultur baut sich nicht von selbst – die Frage ist nur, ob sie aktiv gebaut oder passiv entstanden ist.
Spannendes Wort: «gesunde Kultur». Was macht für dich eine gesunde Kultur aus?
Gesunde Leiter bauen gesunde Teams, gesunde Teams bauen gesunde Organisationen. «Gesund» heisst: nachhaltig und multiplizierbar, mit dem Menschen im Mittelpunkt, nicht nur dem Produkt. Das fängt bei guter Leiterschaft an – ich muss zuerst in mich selbst investieren, um mich dann in andere investieren zu können.
Gab es einen Moment, an dem du gesagt hast: Ich möchte ein Culture Architect sein?
Ich liebe Menschen. Es gab keinen einzelnen Moment – das ist über Jahre entstanden. In den letzten 15 Jahren habe ich Teams auf drei Kontinenten und in über zehn Ländern aufgebaut – unter anderem in Liberia.Gott hat uns so geschaffen, dass wir gemeinsam viel besser sind als allein – dafür braucht es einen gemeinsamen Nenner und dieser Nenner ist die Kultur. Daraus ist meine Leidenschaft entstanden, Menschen zu helfen, eine Kultur zu bauen, in der sie gerne arbeiten oder leben.
Der Begriff Culture Architect wird oft mit Unternehmensentwicklung in Verbindung gebracht. Möchtest du Unternehmen oder auch die breitere Gesellschaft gesünder machen?
Beides: Unternehmen, aber auch Kirchen und Organisationen. Wir sind als Menschen so geschaffen, dass wir sowohl Sicherheit brauchen, uns aber auch entfalten wollen. Unserer Gesellschaft fehlt oft die Transformation. Vieles ist transaktional («Was kann ich rausholen?»), statt transformativ zu denken. Als Leiter frage ich lieber: Wie kann ich dieser Person helfen, näher an Jesu Herz heranzuwachsen – oder im nichtchristlichen Kontext: besser und ausgeglichener zu werden.
Welches Fundament braucht ein Unternehmen und wo gerät es ins Wanken, wenn dies fehlt?
Viele Unternehmen achten vor allem darauf, nach aussen gut auszusehen: Website, Wording, Werte an der Wand. Was ein Unternehmen langfristig trägt, ist aber das, was man spürt, wenn man ihre Räume betritt.Der Autor und Unternehmensberater Simon Sinek spricht vom «Golden Circle»: Why, How, What. Die meisten reden zuerst über das What – also das, was wir tun. Sinek dreht die Reihenfolge um und beginnt mit dem Why: Warum tun wir überhaupt, was wir tun? Gibt es keinen Grund ausserhalb der Finanzen, wird jede Entscheidung nur noch von ihnen bestimmt.Ich habe die Geschichte eines amerikanischen Unternehmers gehört: Ein Mitarbeiter erfuhr, dass sein Sohn einen schweren Unfall gehabt hatte – laut Arzt nur noch wenige Stunden zu leben. Einer der Werte des Gründers lautete: «Unsere Mitarbeitenden kommen an erster Stelle.» Der Manager charterte, ohne nachzufragen, auf Firmenkosten einen Privatjet. Sie schafften es rechtzeitig, der Sohn überlebte – für den Gründer einer der stolzesten Momente seines Lebens als Leiter.
Für mich als Christ fehlt im Golden Circle noch eine Frage vor dem Why: das Who – Wer bin ich und zu wem gehöre ich? Aus meiner Identität in Jesus entsteht mein Warum – und daraus wiederum, wie und was ich tue.
Wie holt man die Leute an Bord, sodass sie diese Werte wirklich leben? Und wie stellst du sicher, dass bei einem Kulturwandel auch alle mitgenommen werden?
Ich habe einen Blueprint entwickelt: «Discover» – Wo stehen wir wirklich? Was funktioniert bereits, wo gibt es Reibung und was braucht Aufmerksamkeit? Ich habe mit einem erfolgreichen Unternehmen gearbeitet, das eine extrem gute Kultur hatte, aber dessen Geschäftsleiter seine eigene Vision nicht in Worte fassen konnte. Wir fanden einfach ein Wording für das, was sie bereits lebten.«Design» – Wie soll die Kultur aussehen? Vision, Werte, Führungsverhalten und Erwartungen werden konkret. Was möchte der Unternehmer sehen, und ist das auf Papier gebracht – Vision, Werte, Führungsstil.«Drive» – Wir bringen das Ganze in den Alltag – in Meetings, Kommunikation, Entscheidungen und Führung. «Develop» – Wir entwickeln Menschen so, dass Führung und Verantwortung sich multiplizieren. Die Sozialwissenschaftlerin und Autorin Brené Brown sagt: «Clear is kind.» Es ist einfacher, einen Jetski umzudrehen als einen Tanker – ich reisse eine Kultur nicht einfach nieder und starte neu, sonst wird sie oft wieder ähnlich. Ich habe zum Beispiel in einem 25 Jahre alten medizinischen Unternehmen gearbeitet, in dem selbst COO und CEO nur miteinander redeten, wenn etwas schiefgelaufen war. Ich habe ihnen geholfen, generell Meetings zu leiten – das war einer der Schlüssel.
Ziehst du dich irgendwann zurück oder begleitest du Unternehmen über Jahre hinweg?
Mein Ansatz ist: «If I do my job right, I work myself out of the job.» Es geht um Multiplikation, nicht darum, dass ich über Jahre die Meetings für sie leite. Ich bin eher ein Katalysator – die Verantwortung liegt beim Unternehmer.
Wenn ich jetzt Mitarbeiterin in einem Unternehmen wäre, in dem Unternehmer und Geschäftsführung gar keine neue Kultur wollen, ich selbst aber gläubige Christin bin und meine Werte einbringen möchte – was würdest du mir raten?
360-Grad-Leadership bedeutet für mich: Ich brauche keinen Titel, um Kultur zu prägen. Ich kann die Menschen unter mir, neben mir und sogar über mir positiv beeinflussen. Aber je weniger formale Autorität ich habe, desto wichtiger werden gute Fragen, Vertrauen und Beziehung. Dazu eine Geschichte eines Fotografen: Ein Kunde fragte ihn: «Welches ist dein Lieblingsbild?» Statt zu antworten, fragte er zurück: «Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Welches deiner Kinder ist dein Lieblingskind?» Es kann aber auch sein, dass ein Umfeld schlicht toxisch ist. Dann stellt sich die Frage, ob man bleiben möchte.
Du arbeitest mit NGOs, Kirchen und Unternehmen zusammen. Spürt man einen Unterschied zwischen einem christlichen und einem nichtchristlichen Unternehmen?
Nicht das Unternehmen ist christlich, sondern der/die Unternehmer/in: Er/Sie hat ein Fundament, bei dem Jesus und die Bibel die Grundlage sind. Auch im nichtchristlichen Unternehmen kann eine sehr gesunde Kultur entstehen – nur ist die Bibel dort nicht die Grundlage. Es gibt ein Buch, «The Way of the Shepherd» von Kevin Leman und William Pentak, das genau diese Prinzipien auf Führung in Unternehmen überträgt. Es zeigt, wie stark das Bild eines Hirten auch im modernen Leadership funktioniert: Menschen kennen, ihnen Sicherheit geben, sie entwickeln und ihnen dienen. Für mich ist spannend: Dieses biblische Führungsbild funktioniert nicht nur innerhalb einer Kirche, sondern auch mitten in der Geschäftswelt.
Wie lebt sich das ganz praktisch als Vater und Ehemann? Und wie unterscheidet sich das von der eher transaktionalen Logik im Unternehmen?
Es geht darum, meiner Familie zu helfen, aufzublühen und sie an die erste Stelle zu setzen. Meine Frau und ich stehen Seite an Seite und bauen gemeinsam eine Familienkultur – nicht als Leiter und Mitläuferin, sondern gemeinsam füreinander.Ich habe kleine Kinder – mein Ältester ist vier Jahre, meine Jüngste 18 Monate –, und wir müssen jeden Tag Kultur mit ihnen bauen. Wir reden von «Team Kliever», nach unserem Nachnamen. Wenn ich mal versage, gehe ich zu meinem Sohn und sage: «Das habe ich nicht richtig gemacht, das ist nicht die Art, wie Team Kliever das macht.» In der Familie geht es um Transformation, nicht um Transaktion. Mein Sohn hilft schon beim Ausräumen der Abwaschmaschine – im Moment mehr Aufwand, als es selbst zu machen, aber er lernt Verantwortung. Auch wenn er dabei etwas falsch macht, würdige ich das trotzdem: Der Standard bin nämlich nicht ich als Vater, sondern das, worauf wir uns berufen – auch ich habe meine schlechten Tage.
Du hilfst vielen Menschen dabei, ihr Fundament zu finden und zu festigen. Wie stellst du selbst sicher, dass dein eigenes Fundament fest bleibt?
Ich musste bewusst lernen, intensiv Zeit mit Gott zu verbringen, weil ich meine Fehler kenne und weiss, dass mein «Wer» Gott ist – nicht aus religiöser Pflicht, sondern um mich mit ihm auszurichten. Ein Bild, das ich grossartig finde: Beim Klavierstimmen ist es falsch, immer die vorherige Taste als Referenz zu nehmen. Ein Klavierstimmer stimmt nicht jede Taste an der vorherigen aus, weil sich kleine Abweichungen sonst immer weiter summieren. Er braucht einen festen Referenzton – traditionell das a‘ mit 440 Hertz – an dem sich die Stimmung orientiert. In unserem Leben gibt es viele Einflüsse – Social Media, Vorgesetzte, Ehepartner, Politik. Ich muss entscheiden, was mein Grundton ist, und für mich soll das Jesus sein. Ganz praktisch gehe ich oft mit meiner Frau und unserem Hund spazieren – dabei höre ich die Bibel und stimme mich auf die 440 Hertz zurück.
Schön, dass wir alle Kulturbauer sind.
Deshalb nenne ich mich Architekt und nicht Bauingenieur: Ich möchte Unternehmen helfen, die Grundlage zu schaffen, auf der sie selbst weiterbauen können. Mein Ziel ist nicht, dass der Unternehmer noch besser darin wird, alles selbst zu machen. Mein Ziel ist, dass sich gesunde Führung multipliziert – dass Menschen Verantwortung übernehmen, andere entwickeln und die Organisation nicht dauerhaft von einer einzelnen Führungsperson abhängig bleibt.