In Gemeinschaft zu Hause

Aus «Wohnung teilen» wird «Leben teilen»

Seit fast 4 Jahren sind Büro und 7 WGs der VBG in Zürich an einem Ort. Das VBG Haus hat sich fest etabliert als Wohn- und Lebensraum von Studierenden, Angestellten und Gästen.Melanie und Julian sind Studis der VBG Zürich und wohnen in VBG WGs. Joel ist Doktorand und wohnt in der WG junger Berufstätiger im obersten Stock des Hauses. Sie erzählen, was das Leben im Haus ausmacht.

Was hat euch inspiriert, bewegt und überzeugt ins VBG Haus zu ziehen?

Joel:Das ist meine zwölfte WG – glaube ich. Da ich mit sieben Geschwistern aufgewachsen bin konnte ich mir nie vorstellen, allein zu wohnen. Zudem sagt man mir nach, dass ich schlecht im Alleinsein sei. Das Ziel war es eine schöne Wohnung und coole Leute zu haben, was in dieser Kombination nicht so einfach zu bekommen ist. Aber in der VBG habe ich diese Möglichkeit gesehen und gefunden. Ich wohne sehr, sehr gerne hier.Julian:Meine ursprüngliche Idee war es mit Kollegen, die ich lange kenne, eine WG zu gründen. Aber aus verschiedenen Gründen hat das nicht geklappt und dann kam Plan B für mich zum Zug – hier ins VBG Haus zu ziehen. Ich hatte mich schon vorher auf die Warteliste eingetragen, weil mir verschiedene Leute gesagt haben, dass es hier sehr cool sei. Und da ich aus meinem Elternhaus ausziehen wollte, wurde es die VBG WG. Zuerst dachte ich: das passt – ich mag die VBG. Aber ich merke, dass es mehr ist als das. Ich will mich in der VBG einbringen und das geht viel leichter, wenn man an dem Ort lebt, den man mitgestaltet.Melanie:Bei mir war es gerade anders. Ich hatte nie vor auszuziehen, aber dann ging alles sehr spontan. Es ergab sich die Möglichkeit ein Zimmer für einen Monat zu mieten und das wollte ich ausprobieren. Damit war das Ausziehen schon passiert. Im Anschluss bin ich in eine WG gezogen, in der der christliche Glaube keine Rolle gespielt hat und hab schnell realisiert, dass ich das im VBG Haus sehr geschätzt hatte. Auch wenn der Glaube nicht Dauerthema ist, lebt man anders miteinander und das hat mir gefehlt. Als in derselben WG im VBG Haus wieder ein Zimmer frei wurde, habe ich nicht lang gezögert und bin nun fix dabei. Das Zusammenleben gibt einem sehr, sehr viel und ich bin froh darum.

Was zeichnet das Leben hier im Haus und in den WGs aus?

Joel:Für mich bedeutet Gemeinschaft gesehen zu werden und eingebettet zu sein. Das passiert in einer WG, aber es gibt auch noch den grösseren Kontext. So schön ein Zuhause auch ist, sollte das Ziel nicht sein in der Abgeschiedenheit zu enden, sondern in der Nachbarschaft Beziehungen zu pflegen. Und das Pendant dazu wären hier vermutlich die anderen WGS im Haus, die ich sehr schätze. Die VBG hat meine persönliche Glaubensbiografie seit mittlerweile 20 Jahren sehr geprägt. Dann ist es schön, sich in diesen Weinstock einzupfropfen und verankert zu sein.Julian:Wie in einer normalen Nachbarschaft ist es sehr individuell, wie man sich im Haus beteiligt und Beziehungen zu anderen WGs pflegt. Ausserdem hängt es sicherlich davon ab, wie sehr die angerissenen Sachen und Aktionen einem entsprechen. Die Gemeinschaft in der WG ist gegeben und ich denke, dass es ein WG-Leben wie hier wahrscheinlich auch an anderen Orten gibt. Aber so ein Hausleben, das ist wirklich selten.Melanie:Das ist on point. Das Hausleben ist einzigartig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es diese vielen Möglichkeiten vereint an anderen Orten gibt. Es gibt einem so eine Freiheit.

Was genau meinst du mit Freiheit?

Melanie:Ich denke, jede WG hat ihre eigene Dynamik. Man kann und muss sich einbringen, Initiative zeigen. Aber anderes ist einfach so, wie z.B. unterschiedliche Persönlichkeiten. Wenn es nicht für alles ein Gegenüber gibt, dann hat man noch die Möglichkeit (oder eben Freiheit) Leute in anderen WGs zu treffen.

Wie sieht das geistliche Leben hier aus? Lebt ihr das vorwiegend in den WGs oder passiert das eher auf Haus-Ebene?

Melanie:Ich würde sagen auf Haus-Ebene. Denn wenn jemand etwas von sich aus initiiert, dann öffnet er oder sie es gleich fürs ganze Haus. Dann wird es nicht nur in der WG so gemacht, sondern dann wird das meistens in den Haus-Chat geschrieben, à la «Abendgebet unten in der Kapelle um 21Uhr?» oder «Jetzt gemeinsames Gebet in der Stube?».Julian:Ich habe das Gefühl, dass es auf Hausebene meistens punktueller ist. Es wird eine Worship-Night angerissen oder man schlägt sonst etwas Spontanes vor. Ich weiss zwar nicht, wie es bei anderen WGs aussieht, aber bei uns gibt es fixe Rituale wie z.B. das Tischgebet am WG-Abend. Solches ist leichter möglich den WGs und ist institutionalisierter als die Events, die zwar organisiert werden, aber nicht in den Alltag integriert sind.Melanie:Die Beziehungen, die man mit Bewohnerinnen und Bewohnern ausserhalb der eigenen WG hat, spielen auch eine wichtige Rolle. Dort habe ich auch vertiefte Glaubensgespräche, die ich jetzt mit den Leuten aus meiner WG weniger habe aus welchen Gründen auch immer. Ich geniesse die Freundschaften, die hier im Haus entstanden sind, wenn man zusammen unterwegs sein und auch füreinander beten kann.Joel:Bei uns ist dieses Geistliche etwas wellenartig. Früher hatten wir es am Sonntagabend. Jetzt hatten wir lange nichts Fixes. Aktuell mache ich teilweise mit einer WG-Kollegin eine Morgenliturgie.

Wo habt ihr das Gefühl, dass bei euch etwas voll aufblüht oder zum Vorschein kommt, dadurch dass ihr im Haus lebt?

Melanie:Ich entdecke sehr viele neue Seiten an mir, was vermutlich normal ist, wenn man auszieht – aber vor allem auch im Glauben. Mein geistliches Leben erlebe ich wellenartig und abhängig von Personen, die plötzlich einen Schwung geben, mich auf eine Idee bringen oder etwas wieder anstossen. Würde ich nicht hier im Haus wohnen, würden Impulse schneller verwässern und in den Hintergrund rücken. Aber hier werde ich immer wieder daran erinnert oder versuche selbst etwas zu initiieren. Wir sind Glaubensgeschwister. Im Glaubensleben macht es schon sehr viel mit mir.Julian:Einerseits merke ich, dass ich ein bequemer Mensch bin oder primär auch war. Es gab früher schon Angebote im Haus, aber die Anreise wäre mir zu lang gewesen und wäre darum nicht gekommen. Jetzt gehe ich hin und es tut mir gut. Andererseits haben wir in der WG viele Gespräche darüber, wie die VBG-Gruppe läuft und was sie sein könnte, weil die VBG als Organisation immer latent ist. Das wäre nicht so präsent, wenn ich nicht im Haus leben würde.Joel:Ich verabrede mich nicht mehr so viel wie früher. Denn ich merke, dass eine WG extrem viel von meinem sozialen Bedürfnis abdecken kann, wenn man es gut miteinander hat. Ich muss nicht mehr gross noch dorthin reisen, um diese Person zu sehen und dann diese. Es kommt die Bequemlichkeit rein, denn man ist schon hier.Auf der anderen Seite spüre ich, wie wir uns als Gemeinschaft konkret im Alltag tragen. Zwei der WG-Kollegen haben doktoriert oder sind genau wie ich noch dran. Das Doktorieren bringt gewisse Schwierigkeiten mit sich und darin fühle ich mich schon gut aufgehoben und weiss mich getragen, gemeinsam beten zu können, wenn ich ein schwieriges Gespräch mit meinem Professor hatte.

Schön -  also wirklich ein bisschen Familie.

Melanie:Das ist ein guter Punkt. Ich glaube diese Bubble erlebe ich schon auch. Und das ist etwas mega Schönes, aber gleichzeitig möchte ich nicht zu bequem werden. Mir ist es schon wichtig, auch noch Kontakt ausserhalb des Hauses und der VBG zu haben. Aber man begrenzt sich plötzlich schon sehr schnell. Da braucht es Initiative von mir, sowohl im geistlichen Sinne, aber eben auch einfach für Spiele- oder Filmabende. Normalerweise bin ich die, die einfach mitgeht, aber es ist auch schön, mal selbst etwas zu organisieren und Leute einzuladen.

Es wird aber lediglich ein Rahmen gegeben, hier zu wohnen. Es zu gestalten und Initiative zu zeigen, kommt von den Leuten selbst.

Julian:Oder eben auch nicht und das gehört wahrscheinlich genauso zum Community Building dazu. Dass etwas zwar angerissen wird, z. B. den Garten neu zu machen oder Gebete am Abend zu etablieren und dann passiert auch wieder einen Monat lang nichts, weil es eben nicht verordnet ist.Joel:Und trotzdem wurden beim Einzug in dieses Haus weise Entscheidungen getroffen, um einen Rahmen für Gemeinschaft, Aktivitäten und geistliches Leben zu schaffen – vor allem mit dem Bandraum und der Kapelle im Keller.

Was nehmt ihr mit fürs Leben nach der Zeit hier im Haus?

Julian:Ich denke, ich möchte all die Erkenntnisse von Gesprächen, Gebeten, Formen von Liturgie mitnehmen. Zusätzlich zu ein paar richtig guten Freundschaften.Melanie:Zu realisieren: people do care about you. Man wird gesehen von coolen Menschen mit einem guten Herz. Und die gelebte Gemeinschaft. Jetzt haben wir dieses Haus und das ist von der Lage und den Räumlichkeiten her sehr einladend. Aber auch in meinem nächsten Zuhause möchte ich diese Kultur weiterleben, Leute einzuladen und Freundschaften aktiv zu leben.Joel:Erstens: eine Putzhilfe verhindert Konflikte. Zweitens: teilt den Kühlschrank, weil gemeinschaftliches Leben im Kleinen beginnt und es so viel einfacher ist gemeinsam zu kochen. Drittens: zu merken, wie man sich gerade auch in schwierigeren Situationen gegenseitig tragen kann und sich eingebettet zu wissen. Dieses Ökosystem möchte ich später auch an anderen Orten kreieren.

Welches Schlagwort beschreibt für euch das Leben im Haus?

Julian:Alles kann, nichts muss.Melanie:Community und Fürsorge.Joel:„Leben teilen ist nachhaltiger.“ Wenn ich eine Person nicht kenne, die eine ganz andere Meinung hat als ich, dann lasse ich mich oft gar nicht auf sie ein. Aber durch die Gemeinschaft hier im Haus habe ich gemerkt, dass es in Ordnung ist, anderer Meinung zu sein und trotzdem Leben zu teilen – man schätzt sich und hört zu. “Healing through Community”, auch wenn die Leute einen ganz anderen Standpunkt haben wie man selbst. Das ist aus strategischer Sicht sehr smart von der VBG, nicht nur auf Programme setzen, sondern auf Communitybuilding.
Fragen stellte Mimi Grauli
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