Geschichte umfasst weit mehr als «Ereignisse aus der Vergangenheit». Wer sie als Ausdruck von individueller und kollektiver Identität versteht, dem eröffnet sie eine wirkungsvolle Deutung der Gegenwart.

Dass sich Geschichtsschreibung missbrauchen lässt, sehen wir, wenn in einer Diktatur die Geschichtsbücher umgeschrieben werden, um mit Macht eine gewünschte Sicht der Wirklichkeit durchzusetzen. Trotzdem ist eine Deutung von Geschichte nicht einfach suspekt, sondern ein Ausdruck davon, dass Geschichte – auch eine individuelle Lebensgeschichte – nie einfach «gegeben» ist. Sie ist vielmehr das Resultat eines Identitätsbildungsprozesses. In der Bibel sehen wir das bei Personen, die ein neues Selbstverständnis und sinnbildlich dafür einen neuen Namen erhalten. Jakob ist nach seiner Gottesbegegnung nicht mehr «der Lügner», sondern «Israel» – einer, der gelernt hat zu kämpfen und zu überwinden (Genesis 32,29). Diese neue Identität ist ein Geschenk Gottes, der im christlichen Verständnis Schöpfer und Vollender aller Geschichte ist. «Erst vom Gott der Bibel her ist die Wirklichkeit, in der wir leben, als Geschichte erschlossen worden, als ein immer neues Geschehen, das zur Zukunft hin offen ist, auf unvorhersehbare Möglichkeiten zuläuft und erst von der letzten Zukunft, vom Ende her, in seinem Sinn verständlich wird», schreibt dazu der Theologe Wolfgang Pannenberg. Im Licht der Gegenwart erlangen die Ereignisse der Vergangenheit eine sich stets weiter entfaltende Bedeutung. Dass wir dem letzten Sinn dieser Ereignisse hoffnungsvoll entgegensehen können, ist im Zeugnis der Bibel verankert. Sie ist nicht in erster Linie moralisches Lehrbuch, sondern eine Dokumentation der Geschichte Gottes mit uns Menschen.

Erst wenn wir das Evangelium als Geschichte verstehen, kann es seine Kraft in uns entfalten. Es ist die Geschichte vom verlorenen Paradies, von der zerbrochenen Harmonie, die ihre Katharsis findet im Tod von Jesus – und in ihm verwandelt wird: Etwas Neues fängt an, und wie bei einer Auster, die das verletzende Sandkorn zur Perle umgestaltet, beginnt durch Gottes Treue die Wiederherstellung und Erneuerung der Welt. Schon jetzt im Kleinen durch Menschen, die den Ton der göttlichen Symphonie aufnehmen und weiterentwickeln, und dereinst in Vollendung.

Die berühmte Distanz zwischen «Kopf» und «Herz», zwischen Wissen und Umsetzung gerade in Glaubensdingen, ist Ausdruck einer fehlenden Geschichtsintegration. Weshalb genau soll die Bibel – diese Sammlung antiker Texte einer nahöstlichen Kultur – auch hier und heute von Bedeutung sein? Bei dieser Frage setzte 2015 die Weiterbildungswoche der VBG-Angestellten an. Anhand des Römerbriefs schälte Felix Ruther als Referent heraus, wie der alttestamentliche Bund mit Israel nach wie vor gilt, den nichtjüdischen Völkern aber durch Jesus der Weg ins Gottesvolk offensteht. Als Adoptivkinder Abrahams können wir heute das Buch der Klagelieder lesen und über die Zerstörung Jerusalems weinen – nicht, weil wir als Individuen dabei waren, sondern weil diese Texte gewissermassen einen Teil unserer Familiengeschichte beschreiben. Diese Sichtweise ist mit ein Grund, weshalb der jüdisch-christliche Dialog einen festen Bestandteil des VBG-Kursprogramms bildet.

Geschichtsintegration ist auch im Hinblick auf das 500-jährige Jubiläum der Reformation nötig. Das Jubiläum gibt uns einerseits die Gelegenheit, auf die enorme historische Wirkung der Bibel und des christlichen Glaubens in Europa zu verweisen. Dieser Gedanke steht im Zentrum des VBG-Projekts «reformare», das 2017 in verschiedenen Mittelschulen lief: In Fächern wie Deutsch, Geschichte oder Wirtschaft soll der Unterricht den kulturprägenden Effekt von «sola scriptura» und «solus Christus» thematisieren. Dabei helfen Video-Interviews mit Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft. Andererseits bietet das Jubiläum die Gelegenheit, uns mit Konflikten und Wunden der Vergangenheit auseinanderzusetzen, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. Eine Möglichkeit dafür ist das ökumenische Projekt «Miteinander auf dem Weg – 500 Jahre Trennung sind genug!», bei dem die VBG Teil der schweizerischen Spurgruppe ist.

Die Frage nach Geschichte und Identität ist auch für uns als Bewegung wichtig. Es gibt die VBG seit bald 70 Jahren. Wir möchten unserer historisch gewachsenen Identität Sorge tragen, ohne dabei in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben. Ein Ausdruck davon ist, dass wir seit einigen Jahren von «VBG-Gruppen» anstatt von «Bibelgruppen» sprechen. Nicht als Votum gegen die Bibel, sondern als Ausdruck einer gemeinsamen Identität und Geschichte, die wir in der nächsten Generation weitertragen möchten. Unser Geschichtsbewusstsein umfasst zudem, dass wir Busse tun für unsere Überheblichkeit und für Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben. Wir brauchen Vergebung, und was wir sind, das sind wir allein durch Gottes Gnade (1. Korinther 15,10). Wir möchten uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen gemäss jener Weisheit, die Robert Constam, ein langjähriger Unterstützer der VBG, dem damaligen Leiter Benedikt Walker zusprach: «Tue das, was deine Mütter und Väter getan haben. Wenn du aber genau das tust, was sie getan haben, dann tust du nicht das, was sie getan haben.»