Glaube & Gesellschaft

Nicolas Matter und Niklas Walder erzählen von ihrem Podcast «Glaube und Gesellschaft im Gespräch» und denken darüber nach, wie man im 21. Jahrhundert Christ sein kann 

Lieber Nicolas, lieber Niklas, euer Podcast hat es zum Ziel, Themen der Theologie und der Philosophie «für alle, die den großen Fragen des Lebens auf den Grund gehen wollen» fundiert zugänglich zu machen. In der allerersten Folge seid ihr auf die Kritik eingegangen, die das Buch «Mission Manifest» von Johannes Hartl und weiteren hervorgerufen hat.[1]Dabei habt ihr euch die Frage gestellt: «Gibt es ein zu viel von Jesus?» Wie würdet ihr diese Frage heute beantworten?
Nicolas: Nein, gibt es nicht.Niklas: Ich persönlich kenne schon eine Situation, wo ich zeitweise «zu viel Jesus» hatte – am Anfang meines Theologiestudiums. Da hörte und sprach ich den ganzen Tag von Jesus, aber aus einer einseitig verkopften Perspektive. Es war nicht leicht, danach noch die Musse und den geistlichen Hunger aufzubringen, mich existentiell mit Jesus zu beschäftigen.
Könnte das auch durch den Podcast geschehen – dass euch nach den intensiven theologischen Debatten die Energie für eine persönliche Beschäftigung mit dem Glauben fehlt?
Nicolas: Durch den Podcast allein eher nicht. Aber als Theologe kann es schon so etwas wie eine "Übersättigung" geben. Die Herausforderung besteht darin, die Perspektive wechseln zu können: Manchmal fällt es schwer, im Gottesdienst oder der persönlichen Zeit mit Gott, wo es einen existentiell angeht, den Blickwinkel zu wechseln und ein vielleicht eher distanziertes theologisches Nachdenken abzuschalten.
Welche Perspektive habt ihr denn im Podcast?
Niklas: Am schönsten ist es, wenn in einer theologischen Existenz beides zusammenkommt: Das Nachdenken über den Glauben und existentiell davon betroffen sein.Nicolas: Genau. Die theologische Existenz bedeutet auch, dass man aus seinem Glauben heraus Theologie betreibt und die Theologie wiederum den Glauben verändern kann.
«Theologie macht jeder!» – so wird man auf eurem YouTube-Kanal begrüsst. Ist das nicht übertrieben?
Nicolas: Theologie ist ja nichts anderes als das Nachdenken und Sprechen über Gott, der Quelle von allem, was ist. Das heisst, es geht um die Frage nach dem, was hinter allem steht – und jeder Mensch muss sich auf eine letzte Wirklichkeit, auf Grundüberzeugungen verlassen, die man nie vollständig rational erfassen kann, weil sie das Fundament für Rationalität überhaupt sind. Das Verhältnis zu dieser letzten Wirklichkeit kann denn auch nur eines von Glauben und Vertrauen sein.
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen sich darüber nicht aktiv Gedanken machen.
Niklas: Dieses Statement ist bewusst auch eine Provokation und etwas irritierend, weil wir die Leute dazu anregen wollen, sich diesen Fragen zu stellen.Nicolas: Vielleicht müsste man es weiter fassen – nicht jeder denkt über die letzten Fragen nach, aber jeder lebt auf eine bestimmte Art und Weise. Und unsere Art zu leben ist auf solchen Fragen aufgebaut, oder den Antworten, die wir versuchen, darauf zu geben. Das heisst: Theologisch leben tut jeder.
Was ist eurer Meinung nach gerade die spannendste Entwicklung in unserer Gesellschaft, vor allem im Kontext von eurem Podcast?
Niklas: Ich finde spannend, wie die institutionalisierte Religion in den vergangenen Jahren öffentlich neu zum Thema wurde, gerade im Zusammenhang mit der Politik.Nicolas: Die liberale Weltordnung, wie wir sie in den letzten 50 Jahren gekannt haben, geht definitiv zu Ende. In diesem Zusammenhang stellen sich uns unglaublich wichtige Fragen: Was hat der christliche Glauben im 21. Jahrhundert zu Themen wie Machtpolitik, Krieg und geostrategischen Entscheidungen zu sagen? Ein anderes, damit verwandtes Thema, das für uns enorm spannend ist, ist die Frage nach dem «Quiet Revival», also dem Wiederaufkommen des Interessens am Glauben in dieser unsicheren Zeit.
Was soll die VBG in Hinblick auf diese Entwicklungen in den kommenden Jahren unbedingt beachten?
Niklas: Das Hauptanliegen der VBG, das auch mich stark geprägt hat – begründet glauben, Herz und Hirn zusammenbringen – daran gilt es festzuhalten. Ebenso an der ökumenischen Weite der VBG, denn das wird kirchlich gesehen in der Zukunft wichtig sein. Diese Offenheit verschiedener Traditionen gegenüber zu pflegen und sich in der eigenen Sichtweise herausfordern zu lassen, gerade auch in den biografisch formierenden Jahren studentischer Gruppen, ist eine sehr wertvolle Arbeit der VBG.
Was kann die VBG von eurem Podcast lernen?
Nicolas: Das ist nicht einfach zu sagen für jemanden, der den Podcast macht (lacht). Die Gruppen sind herzlich eingeladen, sich zu bestimmten Themen etwas anzuschauen, um dann gemeinsam darüber ins Gespräch zu kommen.Niklas: Und etwas, worin sich Nicolas durch seine Dissertation besonders gut auskennt – die Wichtigkeit, Menschen in eine Mündigkeit zu führen, in ihrer gelebten Praxis darüber nachzudenken, was ihre Denkvoraussetzungen sind und in welcher Gemeinschaft der Glaube leb- und denkbar ist.
Könnt ihr das noch genauer erklären?
Nicolas: Für Christen im 21. Jahrhundert ist es absolut notwendig, sich zu fragen: Wie sehe ich die Welt? Was sind meine Grundannahmen? Welche Intuitionen habe ich? Diese können auch bei Christen sehr unchristlich geprägt sein. In der Gegenwart, wo wir mit allen möglichen Optionen und Deutungsversuchen bombardiert werden, ist es extrem wichtig, unser Leben auf ein gutes Fundament zu stellen. Dafür brauchen wir die Hilfe von anderen Menschen. Und deshalb ist es für eine VBG wichtig, immer wieder zu betonen, wie zentral ein Leben in christlicher Gemeinschaft ist. Als Solochrist geht es nicht, wie es ein Lied aus den 80ern auf den Punkt bringt. Nicht nur in dem Sinne, dass wir andere brauchen, damit wir bessere Christen sein können. Christliche Gemeinschaft steht am Anfang des Glaubensweges, sie ist der Weg hin zu einem mündigen Glauben und schliesslich liegt in erlöster Gemeinschaft auch das Ziel des Glaubens.
Haben wir als Glaubende eine Aufgabe in der Gesellschaft?
Niklas: Definitiv. Ganz praktisch, indem wir die Not der Gesellschaft sehen und uns dort hineinschicken lassen. Aber auch als Gesprächspartner, im sich Beteiligen und neue Perspektiven hineinbringen, kritisch hinterfragen und hinterfragen lassen.Nicolas: Ich würde sagen, dass es im traditionellen christlichen Denken zwei Hauptlinien gibt, die die Frage nach der Einflussnahme von Christen in der Welt unterschiedlich beantworten. Die eine ist apokalyptisch geprägt und versteht unsere Aufgabe in erster Linie symbolisch, indem christliche Gemeinschaften durch Zeichenhandlungen auf Gott verweisen und gerade dadurch der Welt eine alternative Lebensmöglichkeit aufzeigen. Die andere Denklinie sieht unsere Aufgabe darin, die Gesellschaft direkter zu prägen, gerade auch mit politischen Mitteln.Niklas: Diese Denkstrukturen findet man im Neuen Testament schon nebeneinander; die Spannung wird nicht aufgelöst.Nicolas: Wahrscheinlich hängt es auch mit der Epoche zusammen, in der man lebt: Es gibt Zeiten, in denen vielleicht Rückzug angesagt ist und das christliche Zeugnis in erster Linie von symbolischen Zeichenhandlungen und dem Lebensstil abhängt; und es gibt Zeiten, wo es daran ist, konkret und auch politisch mitzubestimmen, wie unser Land funktionieren soll.
Was ist jetzt gerade für eine Zeit?
Nicolas: Gute Frage… Ich befürchte, dass wir in eine Zeit kommen, in der symbolische Zeichenhandlungen das einzig mögliche sind, weil die stärkere Einflussnahme durch christliche Werte in der Politik nicht mehr gern gesehen ist. Andererseits könnten Entwicklungen wie das «Quiet Revival» gegenteilige Zeichen sein. Letztlich wissen wir es nicht.Niklas: Die Aufgabe der Kirche bleibt es auch, zwischen diesen beiden Strömungen zu navigieren.
Wie schon erwähnt, erlebt das Christentum heute vielerorts einen Aufschwung – oft in einer sehr konservativen Form. Ist diese Schlagseite ein Problem?
Niklas: Es wächst tatsächlich ein Interesse am Christentum in gewissen rechten, konservativen Kreisen, weil man eine Überschneidung von Werten sieht. Dort ist es wichtig für die Kirche, offen, aber auch diskursfähig zu sein und aufzuzeigen, dass der christliche Glaube nicht mit rechter Politik deckungsgleich ist.Nicolas: Und es kommt darauf an, was man unter konservativ versteht. Der christliche Glaube hat in einigen Aspekten eine natürliche Affinität zum Konservativen, in anderen aber gar nicht. In Fragen der Sexualmoral ist der christliche Glaube traditionellerweise konservativ; wenn es um Geld oder die Wirtschaft geht, überhaupt nicht.
Inwiefern ist der christliche Glaube in Bezug auf Geld und Wirtschaft nicht konservativ?
Nicolas: Heutzutage wird konservativ fast überall mit «wirtschaftsliberal» verbunden, einer Haltung, bei der finanzielle Selbstbestimmung und das Recht auf Privateigentum quasi dogmatisch fixiert sind. Unser gesamtes Wirtschaftssystem ist mehr oder weniger darauf aufgebaut, unseren Besitz zu vermehren – das BIP muss jedes Jahr wachsen! Das Neue Testament sieht das klar kritisch: Der Mammon, die ungebremste Anhäufung von Reichtum, ist die Verkörperung von etwas Schlechtem – ja, sogar dämonisch. Man kann also nicht sagen, dass das Christentum links oder rechts, konservativ oder progressiv ist. Es übersteigt schlicht diese Kategorien.
Was steht bei euch jetzt als nächstes an?
Nicolas: Unter anderem genau diese politischen Fragen: Was bedeutet es, Christ zu sein im Zeitalter der «neuen Rechten»? Und sonst noch viel, was ich jetzt aber nicht verrate…
Überrascht ihr euch manchmal gegenseitig während den Aufnahmen?
Nicolas: Das ist wie bei einem Ehepaar – immer weniger (lacht). Nein, ab und zu sicher. Zum Beispiel, wenn Niklas plötzlich so genervt ist von Donald Trump.
Das überrascht dich?
Nicolas: Ja, weil er sonst so zurückhaltend ist.Niklas: … und plötzlich zeige ich mal Emotionen.Nicolas: Genau.Niklas: Grundsätzlich sind wir uns im Podcast aber häufig schnell einig. Theoretisch könnten wir unsere Differenzen auch mal länger aushalten. Ein bisschen fighten.Nicolas: Das können wir sehr gerne machen!
Ihr seid auch oft eher ernst in euren Podcasts. Gibt es lustige Momente?
Nicolas: Eigentlich sehr viele! Es ist mir auch ein Rätsel, warum das so ist – sonst sind wir nämlich nie ernst. Wir dürften im Podcast noch mehr lachen.Niklas: Das glaube ich auch, denn wir wollen ja zeigen, dass Theologie nicht nur verbohrte Ernsthaftigkeit ist, sondern auch einfach eine Freude!
Die Fragen stellte Noemi Walder
[1] Johannes Hartl, Karl Wallner, Bernhard Meuser (Hg.): Mission Manifest. Die Thesen für das Comeback der Kirche, Verlag Herder 2018. Dazu ist ein Antwortband erschienen: Ursula Nothelle-Wildfeuer, Magnus Striet (Hg.): Einfach nur Jesus? Eine Kritik am «Mission Manifest», Verlag Herder 2018.
 
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