Das neue VBG-Gruppenheft «alltäglich glauben» ermutigt zu einem Glauben, der in allen Bereichen des Lebens seinen Ausdruck findet. Ein solcher Glaube äussert sich in der Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen, aber auch im Engagement für die Umwelt und für gesunde gesellschaftliche Strukturen. Das betont der VBG-Mitarbeiter und Chemielehrer Markus Lerchi, der am Heft beteiligt war.

Markus Lerchi, haben nicht alle Christinnen und Christen einen Alltagsglauben?

Der Glaube wird öffentlich immer weniger wahrnehmbar. Das hat auch mit den Christen zu tun, die ihren Glauben auf immer kleiner werdende Bereiche des Lebens anwenden. Diese Tendenz zum Rückzug bedeutet auch einen Verlust für die Gesellschaft. Ich kann natürlich nicht den Glauben anderer Menschen beurteilen. Aber ich vermute, dass bei manchen der Glaube nur zu bestimmten Zeiten, an spezifischen Orten oder im Zusammensein mit gewissen Menschen zum Ausdruck kommt – und in anderen Kontexten nicht.

Sollten wir also gar nicht trennen zwischen Sonntag und Alltag?

Doch, auf jeden Fall! Das Feiern ist sehr wichtig, genauso wie der «Nicht-Alltag» einer Auszeit oder einer christlichen Tagung. Das braucht es und das ist auch richtig so. Ich denke aber, dass unser Leben als Christen insgesamt recht gewöhnlich und nicht konstant von spektakulären Gotteserlebnissen durchdrungen ist. Auch in der Bibel sehen wir lediglich ausgewählte, wichtige Lebenssituationen von wenigen, sehr besonderen Menschen.

Was würde es denn heissen, «alltäglich» zu glauben?

Ich könnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, am Sonntag Gott anzubeten und am Montag gedankenlos Umweltverschmutzung zu betreiben. Das passt einfach nicht zusammen. Der Glaube ist eine Grundhaltung, die überall zum Ausdruck kommt – ein Letztvertrauen, das mein ganzes Leben trägt und prägt. Er ist etwas kategorial anderes als ein Hobby, das sich auf eine Stunde Gottesdienst in der Woche beschränkt.

Religiöse Ansprüche auf das öffentliche Leben zu übertragen, kann aber heikel werden.

Natürlich ist Glaube etwas, dass tief in mir und in dem Sinn etwas Privates ist. Gleichzeitig hat der Glaube immer auch Auswirkungen auf mein Umfeld. Er darf und kann gar nicht «Privatsache» sein. Neben der persönlichen Beziehung zu Gott umfasst der Glaube drei weitere Dimensionen, die mindestens so entscheidend sind: Meine Beziehung zu anderen Menschen, zur Umwelt und zu den Systemen unserer Gesellschaft, etwa zu Firmen, politischen Gremien und Vereinen.

Du verbringst regelmässig Zeit in einem Benediktinerkloster. Was haben uns die Mönche punkto Alltagsglaube voraus?

Mich beeindruckt die gelebte Gemeinschaft im Kloster. Da sind ja ganz unterschiedliche Menschen dabei, die keineswegs alle gleich ticken. Aber irgendwie schaffen sie es, das Leben miteinander zu gestalten. Das ist eine Fähigkeit, die wir heute in diesem Ausmass weder in Kleinfamilien noch als Singles mehr kennen.

Ein weiterer Punkt sind die regelmässigen Rhythmen des Klosterlebens. Sie haben etwas Unspektakuläres, aber sehr Befreiendes, das ich nicht zuletzt auch körperlich-physisch als zutiefst gesund erlebe. Ich habe die starke Vermutung, dass viele Mönche deshalb so alt werden, weil sie trotz einem eher einfachen Leben diese regelmässigen Rhythmen haben. Die Tagesstruktur im Kloster ist angelegt auf einen guten Wechsel zwischen Zeiten des Gebets, der Arbeit und der Entspannung. Der Verlauf des Jahres ist von den Rhythmen des Kirchenjahres geprägt, von den grossen Feiertagen, aber auch von vielen kleineren Festen und Gedenktagen, die sich in bestimmten Details zeigen – zum Beispiel, wann es beim Frühstück Honig gibt und wann nicht. Dieser fixe Rahmen, dem man sich freiwillig unterordnet, schafft ein grosses Mass an Freiheit.

Ein fixer Rahmen, der Freiheit schafft? Das klingt paradox.

Wer im Alltag schon mit kleinen Entscheidungen Mühe hat, sollte das mal ausprobieren und zum Beispiel in der Mensa konsequent Menü zwei essen – egal, was auf dem Menüplan steht. Wir treffen ja jeden Tag so viele Detailentscheidungen. Das belastet unser Hirn in einem Masse, dass wir für die grossen Entscheidungen des Leben keine Kapazität mehr haben. Wenn wir uns bei kleinen Dingen festlegen, verzichten wir auf Wahlmöglichkeiten – gewinnen aber an Kapazität für die grossen Entscheidungen des Lebens. Das ist Freiheit.

Du hast die gesunden Lebensrhythmen im Kloster angesprochen. Was lässt sich davon im Alltag umsetzen?

Ich habe von den Brüdern einen wichtigen Grundsatz gelernt: Lieber weniger, aber dafür treu und regelmässig. Lieber nicht perfekt, aber so oft es irgend geht. Diejenigen Dinge, die ich konsequent jeden Tag tue, werden zum Schlüssel: Sie beginnen mich zu prägen und werden zum Selbstläufer. Es ist ein Qualitätsmerkmal von Firmen, die über längere Zeit erfolgreich sind, dass alle Mitarbeitenden schon fast bis zur Penetranz an einer bestimmten täglichen Routine festhalten, die kaum je durchbrochen wird. Da frage ich mich, ob wir nicht auch für unser geistliches Leben gewisse Dinge einüben könnten. Es gibt in der Schweiz wohl kaum eine Person, die nicht am Morgen und am Abend die Zähne putzt. Egal, wie müde wir sind oder wie spät es ist – dafür reicht es immer. Da sollte es doch auch für das Glaubensleben ein Mindestmass an guten Gewohnheiten geben.

Zum Beispiel?

Was ich allen empfehle, ist ein regelmässiges Bibellesen, eine regelmässige Zeit der Stille und des Gebets, und eine regelmässige Form von christlicher Gemeinschaft. Das tägliche Lesen eines biblischen Textes ist kein elftes Gebot, aber es ist hilfreich, spannend und informativ. Eine tägliche Zeit der Stille ist in unserer lärmigen, hektischen, dicht getakteten Welt eine Wohltat. Es braucht nicht viel zu sein. Aber es lohnt sich zu überlegen, wo eine solche Mini-Auszeit in meinem Alltag Platz haben könnte. Was ist bei mir realistisch? Und schliesslich die Gemeinschaft: Das kann zum Beispiel ein regelmässiger Gottesdienstbesuch, ein Hauskreis oder eine Kleingruppe sein; je nach dem, was im aktuellen Lebensabschnitt sinnvoll möglich ist.

Wie lebst du selber diese drei Punkte?

Man soll ja nicht jemand anderen kopieren, sondern sich überlegen, was im eigenen Leben umsetzbar ist. Ich nehme mir zum Beispiel viel Zeit fürs Aufstehen und fürs Frühstück. Dazu gehört auch eine Zeit des Gebets und des Bibellesens. Bei anderen ist es vielleicht eine andere Tageszeit. Auch beim Bibellesen mache ich mir überhaupt keinen Stress. Ich bin momentan daran, wieder einmal die ganze Bibel durchzulesen, das wird durchaus mehrere Jahre dauern. Wichtig ist dabei, dass ich jeden Tag dran bleibe.

Beim Gebet gibt es ebenfalls verschiedene Formen: Manche mögen das freie Gebet mit eigenen Worten, andere halten sich lieber an den vorformulierten Text einer Liturgie – mit dem Wissen, dass da viel Erfahrung und viel Geschichte drinsteckt, dass sie eingebettet sind in eine Gemeinschaft, die an vielen verschiedenen Orten mit den gleichen Worten betet. Punkto Gemeinschaft ist mir wichtig, dass ich wenn immer möglich am Sonntag in den Gottesdienst gehe. Ich verstehe mich als Teil und Mitglied der Kirche, auch wenn ich mich seit einigen Jahren kaum aktiv einbringe. Zudem bin ich als Teilnehmer in verschiedenen Kleingruppen dabei.

Du hast gerade die Arbeit am neuen VBG-Gruppenheft «alltäglich glauben» abgeschlossen. Was ist die Absicht dieses Hefts?

Ziel ist, dass der Glaube in allen Lebensbereichen zum Tragen kommt und sichtbar wird. Das bedeutet auch, dass es keine Trennung mehr gibt zwischen «frommen» und «alltäglichen» Aktivitäten, in denen der Glaube mal wichtiger und mal weniger wichtig ist. Das Heft veranschaulicht diesen Ansatz auf einer Doppelseite, die als Agenda-Wochenübersicht gestaltet ist. Jedem Wochentag ist ein Thema mit einem entsprechenden Modul zugeordnet. Am Montag ist das beispielsweise das Thema Routine, am Freitag das Thema Leiden.

Wie ist diese Zuteilung entstanden?

Dass bestimmte Wochentage mit einem Thema verbunden sind, hat eine lange Tradition. Am stärksten ist das noch bei der katholischen Kirche sichtbar, wo jeder Sonntag ein wöchentliches kleines Osterfest bedeutet und jeder Freitag an das Leiden Christi am Karfreitag erinnert. Ein anderer Ansatz geht zurück auf die Herrnhuter-Bewegung, die empfiehlt, jedem Tag ein bestimmtes Thema für die Fürbitte zu geben. Manche Themen im Heft knüpfen auch an unser persönliches Erleben an, zum Beispiel mit dem Montag als Beginn der Arbeitsalltages oder dem Mittwoch als Wochenmitte, die sich zum Innehalten anbietet.

Für wen ist das Heft gedacht?

Es ist das vierte VBG-Gruppenheft nach «begründet glauben», «Begegnungsort Bibel» und «Glauben gestalten» und richtet sich an Gruppen unterschiedlicher Art: VBG-Gruppen, Hauskreise, kirchliche Mitarbeitende oder andere Gruppen, die sich aktiv mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen möchten. Was alle VBG-Gruppenhefte auszeichnet, ist der modulare Aufbau und ein starker Fokus auf die Umsetzung im Alltag.

Das Heft «alltäglich glauben» soll Menschen dabei unterstützen, Aspekte des Glaubens im Alltag zu entdecken und zu stärken, sei es in der Familie, am Arbeitsplatz, im Umgang mit anderen Menschen oder im Hinblick auf gesellschaftliche Strukturen. Überall kann und soll der Glaube Auswirkungen haben.


Dr. Markus Lerchi war als Teil des Projektteams massgeblich am neuen VBG-Gruppenheft «alltäglich glauben» beteiligt. Die Fragen zum Interview stellte Jonas Bärtschi.