Wie Tobias Haberl Gott zur Sprache bringt
Tobias Haberl ist Katholik. Seinen Glauben ist er trotz einiger Umwege in seinem Leben nie losgeworden. Und er stellt immer mal wieder irritiert fest, dass er sich für diesen Glauben rechtfertigen muss. In seinem 2024 erschienenen Buch «Unter Heiden» denkt Haberl darüber nach, warum sich die Auseinandersetzung mit dem Glauben und der Rolle der Kirche lohnt. Er betont, dass das Leben nicht freier werde, wenn Gott entsorgt wird, und dass der Reiz zu glauben gerade darin liege, dass Gott sich nicht beweisen lässt. Auch ringt der Journalist in seinem Buch mit der Kirche. Glaubwürdig beschreibt er seine Schwäche für die auf Latein gehaltene «Alte Messe», ohne aber Missbrauch, Vertuschung und die längst fällige Modernisierung der Kirche schönzureden.
Glaube als Sphäre der Hoffnung
Ist der religiöse Mensch ein Auslaufmodell und der Glaube ein Bremsklotz für Freiheit und Fortschritt? Oder ist der christliche Glaube – erst recht in krisenhaften Zeiten – nicht doch «eine hilfreiche Gegenwelt, ein Wechsel der Perspektive, eine Sphäre der Hoffnung?» Mit seinem Buch hat Tobias Haberl einen Nerv getroffen: Die Resonanz auf sein persönliches Glaubensbekenntnis war unerwartet gross. In Haberls Entschlossenheit, Glauben und Leben zusammen- und Gott zur Sprache zu bringen, kommt ein Anliegen zum Ausdruck, das auch uns als VBG leidenschaftlich antreibt: Wir wollen Menschen zu einem tragfähigen Glauben ermutigen, der sie ermächtigt, ihr persönliches und gesellschaftliches Umfeld zu gestalten.
Lieber Tobias – inwiefern prägt dein Glaube dein Leben und Handeln?
Ich bin ein genussfreudiger, oft sogar unvernünftiger Mensch, man sieht mir den Glauben nicht an, und doch steht Gott im Zentrum meines Lebens und Denkens. Ich versuche, so zu leben wie Jesus Christus es vorgemacht hat, und empfinde den Glauben im Alltag als lebenslanges Übungsfeld.
Du schreibst: ‘Ein gläubiger Mensch hat ein grundsätzlich anderes Ziel als ein ungläubiger: Er möchte nicht befriedigt, er möchte erlöst werden.’ Welche Bedeutung hat ‘Erlösung’ für dich, und wo erlebst du dich erlösungsbedürftig?
Viele vergessen, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben ist, um uns zu netten Menschen zu machen, sondern um uns zu erlösen. Ich habe eben die Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende, sondern eine zweite Geburt ist, ja dass ich Gott eines Tages von Angesicht zu Angesicht schauen darf, wie es im Korintherbrief heisst. Ich empfinde nicht nur mich, sondern alle Menschen als erlösungsbedürftig – ganz einfach, weil keiner von uns ohne Sünde durchs Leben kommt.
In den letzten Monaten hast du Farbe bekannt und damit für Aufruhr gesorgt. Hat es sich gelohnt?
Es waren intensive Monate mit weit über 100 Lesungen und Podiumsdiskussionen. Ich war permanent unterwegs, nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz und in Österreich. Und ja, es gab Kontroversen und lebendige Debatten, aber schwierig oder unangenehm wurde es nie. Im Gegenteil: Ich habe viele faszinierende Christen kennen gelernt – Kleriker wie Laien, Frauen wie Männer – und viel über meinen Glauben gelernt. Ich bin sicher: Ohne diese Menschen, auch ohne die Kirche, wäre unsere Gesellschaft ärmer und kälter.
Andrea Signer-Plüss hat während der Lektüre des Buches «Unter Heiden» nicht nur gemerkt, wie wenig sie als freikirchlich Sozialisierte über den Katholizismus weiss, sondern auch, wie inspirierend und gewinnend Tobias Haberl den christlichen Glauben zur Sprache bringt. Dass sie den sympathischen Journalisten für ein gemeinsames Kursformat in Moscia gewinnen konnte, ist deshalb Chance und Abenteuer zugleich für sie.
Literatur:
Haberl, Tobias (2024): Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe. btb Verlag.