Lieber Erwin, es gibt wohl nicht viele, die das Berner Schulwesen so gut kennen wie du. Du warst Lehrer, Schulleiter, Fachdidaktiker, Grossrat und vieles mehr – wie bist du in die Bildungslandschaft eingestiegen?
Mein Einstieg in die Bildungslandschaft war ein Fussmarsch von zweieinhalb Kilometern von Thunstetten nach Bützberg in den Kindergarten. Manchmal bin ich auch auf der Dampfwalze oder hinten auf einem Kehrichtlastwagen mitgefahren.
Wolltest du schon immer Lehrer werden?
Nein, Pilot! Das ging dann aber nicht wegen meiner Kurzsichtigkeit.
Dann war Lehrersein also deine Zweitwahl?
Zuerst wollte ich noch Architekt werden wie mein Onkel. In der Sekundarschule wurde mir dann der Lehrerberuf empfohlen: Ich sei ausgeglichen in allen Fächern, das passe doch prima. Am meisten arbeiten musste ich am Geräteturnen. Der 5er im Turnpatent war eine grosse Leistung für mich.
Die Anstrengung hat sich gelohnt.
Ja, ich habe 30 Jahre lang als Lehrer gearbeitet, davon war ich ca. 10 Jahre Schulleiter an der gleichen Schule und habe auch als Fachdidaktiker am Seminar in Langenthal gearbeitet. Da haben wir den Lehrplan 95 frisch eingeführt. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hat mich sehr erfüllt.
Welche Rolle hat dein Glaube dabei gespielt?
Aufgewachsen bin ich gut kirchlich in der Landeskirche. Einen persönlichen Zugang zum Glauben habe ich aber erst während meines Studiums gewonnen, hauptsächlich durch die VBG. Im ersten oder zweiten Studienjahr wollte ich sogar meine Mitstudenten auf Gott hinweisen: Ich habe allen einen Schoggikopf aufs Pult gelegt und gesagt: «Weil Gott uns so lieb hat und wir von ihm so viel erhalten haben!» Da haben alle grosse Augen gemacht.
Von 2002 bis 2008 warst du Grossrat in der EVP. Wie ist es dazu gekommen?
Das war eigentlich ein «Unfall». Ein Freund der EVP hat mich gefragt, ob ich nicht antreten wolle, um seine Wiederwahl als EVP-Grossrat zu unterstützen. Er meinte, es bestehe keine Gefahr, gewählt zu werden. Das Unglaubliche passierte: Ich wurde gewählt und erst noch ohne Wahlkampf. Als dann anlässlich der Wahlfeier ein Journalist sagte, ich würde nach vier Jahren wieder abgewählt, erwiderte ich: Nein, jetzt beginnt mein Wahlkampf. Ich will seriöse Arbeit leisten.
Du wurdest dann auch wiedergewählt.
Ja, und zwar obschon die Sitze von 200 auf 160 reduziert wurden und viele andere über die Klinge springen mussten.
Was war dir an deiner Arbeit als Grossrat wichtig?
Die Arbeit mit verschiedensten Menschen zum Wohle unseres Kantons. Die politische Neutralität war mir ein grosses Anliegen. Deshalb habe ich 2002 erstmals parteilos kandidiert, wenn auch auf der Liste der EVP. Ebenfalls die religiöse Neutralität war mir immer wichtig.
Was bedeutet «religiöse Neutralität»?
Der Unterricht muss konfessionell und politisch neutral sein. Wichtig ist es, den Menschen die Freiheit zu bieten, die der säkulare Staat fordert. Das heisst, Schülerinnen und Schüler dürfen keinem Zwang ausgesetzt werden. Über Religion soll und muss aber gemäss dem gültigen Lehrplan unterrichtet werden. Neutralität bedeutet für mich aber nicht, einfach über den Glauben zu schweigen. Ich habe von meinen Überzeugungen erzählt. Wir dürfen auch auf die Kraftquelle hinweisen, aus der wir leben.
Wie hat sich das religiöse Bewusstsein in der Bildungslandschaft über die Jahre hinweg verändert?
Wenn man aus heutiger Sicht den Lehrplan der Berner Volksschule von 1966 anschaut, kann einem schon die Kinnlade runterfallen: «Der Religionsunterricht hat die Aufgabe, den Schüler durch die biblische Geschichte mit den Grundlagen des christlichen Glaubens vertraut zu machen und die Ehrfurcht vor Gott und in christlichem Sinne den Willen zu gewissenhaftem Handeln gegenüber den Mitmenschen zu wecken. […] Im Zusammenhang mit den behandelten Stoffen sind geeignete Bibeltexte und Liedstrophen in angemessener Zahl auswendig zu lernen.» Im Vergleich zum oben erwähnten Lehrplan 1966 könnte man beim Lehrplan 21 schon von einem Rückschritt sprechen.
Er ist jedoch auch ein Gewinn, weil er offener ist und unserem säkularen Staat entspricht. Mir war dabei wichtig, dass unsere Wurzeln thematisiert werden und die christlichen Feste zum Lehrplan gehören, auch wenn es dagegen in der Konsultationsversion grossen Widerstand gab.
Früher hat man solche Dinge im Unterrichtsfach Bibel oder biblische Geschichten gelernt, was es heute so nicht mehr gibt. Ist das ein Verlust?
Für mich persönlich ja. Menschen im Altersheim können heute teilweise noch Psalmen oder Liedstrophen zitieren, trotz eingeschränkter Hirnleistung. Wovon können die heutigen Kinder mal zehren, wenn sie an der Schwelle zur Ewigkeit stehen? Deshalb ist es wichtig, dass unsere Kinder und Jugendlichen wissen, was unsere Wurzeln sind. Sie sollen erfahren, dass unsere christlich abendländische Kultur durch Nächstenliebe und Vertrauen das Fundament ist für unser demokratisches Zusammenleben. Dies ist gerade im Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen enorm wichtig.
Du hast dich jahrelang auch auf politischer Ebene für die Bildung und ihre Weiterentwicklung eingesetzt. Hast du ein konkretes Beispiel dafür?
Als EVP-Grossrat habe ich eine Motion geschrieben, weil der damalige Regierungsrat die Schulinspektoren abschaffen wollte. Als Schulleiter war mir klar: Das will ich nicht. Die Inspektoren kennen die Schulen und wissen, wer was braucht. Ich bin mit der Motion durchgekommen; das Projekt wurde abgebrochen. Da wurde ich gefragt, ob ich nicht die Schulinspektoren leiten wolle. Der Wechsel in die Verwaltung kam für mich eigentlich nicht in Frage. Ich habe mich dann trotzdem beworben und die Abteilung fünf Jahre lang geleitet. Danach kam die Einführung des Lehrplans 21, eine riesige Übung. 14’000 Lehrpersonen waren betroffen. Wir mussten Tagungen und Workshops mit Dozenten für die Fachbereiche organisieren. Es gab sogar Auftritte von Komikerinnen.
Anschliessend war ich elf Jahre lang Vorsteher des Amtes für Kindergarten und Volksschule. Das war ein grosses Vorrecht, sehr spannend, aber mit dem Lehrpersonenmangel, Corona, Ukrainekrieg, … auch äusserst anspruchsvoll.
Solch intensive Zeiten waren sicher auch mit Entbehrungen verbunden. Wie hast du das geschafft?
Klar ist: Wenn meine Frau das nicht mitgetragen hätte, wäre es nicht gegangen. Ich hatte ein Gebetsteam, das mich unterstützt und meine Gebetsanliegen aufgenommen hat. Mein Coach Dr. Rolf Lindenmann hat mich ermutigt und mir den Spiegel hingehalten. Das war oft nötig, denn ich war am Schluss indirekt für fast 500 Menschen im Amt verantwortlich. Dabei sind immer wieder auch Schicksalsschläge vorgekommen. Da wollte ich mir Zeit nehmen für die betroffenen Menschen.
Konntest du in solchen Fällen auch von deinem Glauben sprechen?
Ja, ich hatte eine Etikette als EVPler, man wusste, was mir wichtig ist. Auch weitere Christen in meinem Umfeld waren mir eine Ermutigung, ich war nicht allein.
Was hat dich in schwierigen Momenten motiviert?
Der Glaube hat mir geholfen, nicht aufzugeben, nicht auszubrennen oder zu verzweifeln. Ich konnte stets auf mein Team zählen und wusste: Ich muss nicht alles alleine können und wissen. Immer wieder erhielt ich neben allem Schwierigen viele positive Feedbacks. Das hat mir geholfen, mich zu motivieren, wenn ich fast nicht mehr konnte. Ich musste oft um fünf Uhr aufstehen und abends manchmal bis zehn, elf, zwölf arbeiten. Auch habe ich meine Arbeit immer als Berufung angesehen. Grossrat, Abteilungsleiter, Amtschef – das alles habe ich eigentlich nie aktiv gesucht. Es ist mir zugefallen.
Zum Schluss: Was gibt dir Hoffnung?
1968, in der Nacht vor seinem Tod, sagte der Schweizer Theologe Karl Barth zu seinem Freund Eduard Thurneysen am Telefon:
«Ja, die Welt ist dunkel. Aber: Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her!»
Es macht mich gelassen zu wissen: Gott ist im Regiment. Es gibt mir Hoffnung, dranzubleiben und wie Martin Luther noch heute einen Baum zu pflanzen, selbst wenn morgen die Welt untergehen sollte.
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