Werner Stahel erzählt, wie man als Mathematiker mit den Menschen in Kontakt sein und mit einem Denken in Modellen die Wahrheit erforschen kann

Lieber Werner, als Titularprofessor für Statistik an der ETH hast du dich immer wieder mit dem Zusammenhang von Wissenschaft und Glaube auseinandergesetzt. Wo hat deine persönliche Geschichte mit dem Glauben angefangen?
Bei uns zuhause hat das Christentum vor allem in ethischer Hinsicht eine Rolle gespielt; Gespräche über einen persönlichen Glauben gab es nicht. In der Primarschule kam ich mit dem Glauben dann auf eine andere Art in Kontakt: Gerda Koller, unsere Lehrerin, hat uns im Fach «Biblische Geschichte und Sittenlehre» richtig in den Glauben eingeführt. Bei ihr konnten wir sogar mit dem Grammophon im Lehrerzimmer klassische Musik hören, das war wunderbar.
Gerda Koller war also eine besondere Lehrerin?
Ja, sie war vielen in der VBG bekannt und ich war speziell von ihr geprägt. Ich war ein schwächlicher Junge, auf dem die anderen gut herumhacken konnten. Sie hat mich davor beschützt, indem ich jeweils mit ihr nach Hause laufen durfte. Das war diskret, aber sehr effektiv.
Wie ist deine Glaubensgeschichte danach weitergegangen?
Nach der zweiten Klasse der Sekundarschule ging ich auf eine Mittelschule und war dort in einer VBG-Gruppe dabei. Danach ging es weiter im Studium.
Was hast du studiert?
Mathematik – einfach, weil mir das leicht von der Hand gegangen ist. Mein Mittelschullehrer musste für mich sogar eine neue Note erfinden, die Sieben, damit meine Mitschüler auf der Notenskala nicht so weit unten sein mussten (lacht).
Hat dir die Mathematik im Studium weiter Freude gemacht?
Ja, aber gleichzeitig habe ich gemerkt, dass diese Gedankengebäude nicht das sind, was ich berufsmässig machen will. Ich wollte mich nicht in abstrakten Strukturen verlieren, sondern mit Menschen zu tun haben. Daher habe ich mit angewandter Statistik weitergemacht.
Wie hat man da mit Menschen zu tun?
Zum Beispiel bei statistischer Beratung von allen möglichen Anwendern, viel auch an der Hochschule selbst.
Du warst auch Teil des Dozierendenforums. Was ist das genau?
Ursprünglich war das ein Club von erlauchten Professoren, die im ganz gediegenen Rahmen Bankette organisiert haben. Dazu wurde dann jemand eingeladen, der etwas zum Glauben gesagt hat. Das Ziel war, dass man zu diesen Banketten seine Kollegen einladen konnte, um dann mit ihnen über den Glauben zu diskutieren. Für mich war das damals nicht wirklich was.
Weshalb nicht?
Weil es mir zu abgehoben war! Zum Glück hat sich das aber verändert. Jetzt gibt es keine Bankette mehr; das Dozierendenforum hilft vor allem mit bei der Organisation von Veranstaltungen für Studierende, meist gemeinsam mit der VBG und Campus. Viele Professoren und Professorinnen haben heute sowieso keine Zeit mehr für solche Dinge.
Du hast mal geschrieben, dass die Wahrheit wie eine Person ist, die einem begegnet. Wie meinst du das?
Das ist ein bestimmtes Weltbild, wie man Glauben und Wissenschaft zusammendenken kann. Zuerst muss man sich bewusst werden, dass es nicht einfach klar ist, was die Wahrheit ist. Wir sind uns meist einig darüber, was ein Stuhl ist. Aber schon in der Physik arbeitet man nur mit Modellen, um Dinge einzuordnen. Die «objektive Realität» ist damit nicht identisch, sie ist im besten Fall brauchbar beschrieben.
Ist man sich in der Physik nicht auch einig über diese Modelle, so wie wir uns einig darüber sind, was ein Stuhl ist?
Es stimmt, wir brauchen diese Vorstellungen, über die wir uns einig sind. Für physikalische Vorgänge ist das sehr nützlich. Aber gerade das ist für mich ein Modell: Das Modell einer «objektiven» Wahrheit, die wir erforschen können. Dieses Modell besagt, dass jeder eine etwas eigene Meinung zu dieser Wahrheit haben kann, aber eben nicht so, dass jeder grundsätzlich selbst erfinden kann, was die Wahrheit ist. Wir sind je geprägt durch unser Denken, unsere Wahrnehmung – in dem Sinne bin ich subjektivistisch unterwegs. Aber für mich ist das Modell dieser Wahrheit, die man erforschen kann, zentral.
Was bedeutet es denn, die Wahrheit zu erforschen?
Man tauscht sich darüber aus, was man als wahr ansieht – und kann dabei nicht behaupten, dass man selbst Recht hat und alle anderen Unrecht haben. Vielmehr hat jeder seine Sicht und seinen Bezug zur Wahrheit.Das klingt schon fast etwas beliebig…In der Physik ist es zentral, dass man mit Modellen arbeitet, über die man sich einig ist. Aber wenn ich weiter in die Welt schaue und mir über Schönheit oder Liebe Gedanken mache, dann sieht es schon anders aus. Das kann ich nicht einfach so erfassen wie ein physikalisches Prinzip! Ich kann vielleicht die Hirnströme eines Verliebten messen, aber das hat mit Liebe nichts zu tun. Dort, wo mir etwas begegnet – Menschen, Gefühle, Schönheit –, dort kann ich das schon in Worte fassen, die vielleicht sogar objektiv klingen, aber es hat keinen Sinn zu sagen: «Das ist die Wahrheit.»
Die Weltanschauung des Konstruktivismus besagt, dass es keine objektive Wahrheit oder Realität, sondern nur unzählige subjektive Konstruktionen derselben gibt. Würdest du dem also zustimmen?
Im Grunde schon. Ich würde aber ergänzen, dass ich Modelle brauche, um mein Leben zu gestalten; und zwar Modelle, die tiefer und für mich wichtiger sind als irgendwelche physikalischen Gesetze.
Ist der Glaube eins von diesen Modellen?
Der Glaube ist – wie kann man das sagen – selber kein Modell, sondern eine Art, nachzudenken. Das Modell ist: Es gibt einen Gott, zu dem ich meine Beziehung habe und zu dem auch andere ihre Beziehung haben. Diese Beziehung erfinden wir nicht einfach je neu, vielmehr ist da eine Wahrheit, über die wir uns austauschen und Neues entdecken können. Wir können aber nicht feststellen: Dieser Satz stimmt, deshalb ist es so und alles andere ist falsch. In der Mathematik gibt es diese zweiwertige Logik, die besagt, wenn etwas stimmt, ist das Gegenteil falsch. Diese Logik gibt es bei relevanteren Themen aber nicht.
Welche Logik gilt denn bei den «relevanteren» Themen?
Dort gibt es das eine und das andere und die Spannung dazwischen. Diese Spannung ist eigentlich das, was stimmt; sie selbst ist das Wesentliche.
Wie begegnet man der Wahrheit des Christentums?
Das Christentum hat eine riesige Tradition mit Jesus dahinter, der uns zentrale Einsichten mitzuteilen hat. Für mich schwingt dabei aber schnell auch die Frage nach Interreligiosität mit. Denn: Ich bin hier aufgewachsen, deshalb bin ich Christ. Der kulturelle Hintergrund ist sehr bestimmend. Für mich liegt daher das Modell nahe, dass es einen Gott gibt, der für alle erlebbar ist und von den verschiedenen Religionen unterschiedlich gesehen wird. Ich weiss, das klingt jetzt sehr neutral – so neutral bin ich schon nicht. Das Christentum liegt mir nahe. Ich glaube nicht alles, was über Allah gesagt wird; aber eben auch nicht alles, was von Christen und der Bibel über Gott gesagt wird.
Die Vorstellung, dass alle Religionen den gleichen Gott anbeten, ist sehr harmonisierend und löst viele vorhandene Spannungen einfach auf. Dabei meintest du ja, dass gerade die Spannungen das Wesentliche sind?
Aber ich muss ja nicht wissen, was stimmt. Es gibt nicht die eine objektive Wahrheit und ich erkenne sie; ich kann nicht sagen, das Christentum ist richtig, alles andere ist falsch. Ich erkenne, dass ich im Christentum verwurzelt bin und auch sehr viel davon einsehe, was im Christentum zentral ist – jedenfalls für einige, vielleicht viele Christen. Da gibt es weltweit ja auch grosse Unterschiede.
Muss man sich über die Wahrheit gar nicht einig werden? Auch wenn es Haltungen von Christen gibt, mit denen du nicht einverstanden bist?
Ich bin nicht beauftragt, eine «objektive» Wahrheit zu verkünden. Ich habe zwar meine Ansichten, was stimmt und was nicht – aber ich habe nicht den Anspruch, dass das objektiv so gilt. Dennoch ist mir wichtig, was am Schluss herauskommt, deshalb grenze ich mich von religiös begründeten Meinungen ab, die ich ethisch falsch finde.
Du lebst hier in der WG des sogenannten Stadtklosters in Zürich. Euch ist neben dem verbindlichen Zusammenleben auch ein ethisches Engagement ein Anliegen. Wie zeigt sich das?
Das Stadtkloster ist darauf ausgerichtet, klösterliche Traditionen aufleben zu lassen, aber nicht in Form eines geschlossenen Klosters. Das Gebetsleben ist wichtig. Was ich sehr schätze, ist, dass man hier so viele Leute antrifft, die den Glauben ernsthaft pflegen und weiterentwickeln wollen, dabei aber nicht auf einen Guru ausgerichtet, sondern persönlich unterwegs sind. Diakonische Aufgaben spielen auch eine wichtige Rolle.
Kannst du ein Beispiel machen?
Das grösste und sichtbarste Engagement ist die Winterstube. Jeden Winter stellen wir obdachlosen Menschen übers Wochenende einen Raum zur Verfügung, wo sie sich ausruhen und etwas essen können. In unserem WG-Haus wohnen zudem momentan vier geflüchtete Menschen.
Was wünschst du dir für die Zukunft des Stadtklosters?
Wir haben zwar viel Sichtbarkeit – Präsenz in den Medien auf unterschiedliche Weise – aber erstaunlich wenig Echo. Ich wünschte mir, dass mehr Menschen auf unser Projekt reagieren und sich daran interessiert zeigen. Vielleicht könnte es in Zukunft ja eine zweite WG geben! Es gäbe doch so viele Menschen, die an einer Gemeinschaft interessiert sind. Vielleicht fehlt im Konkreten jedoch der Wille zur Verbindlichkeit.
Was machst du, wenn du nicht gerade für die Universität oder das Stadtkloster engagiert bist?
Also ich bin eigentlich immer mit irgendetwas beschäftigt, was auch noch sein muss (lacht). Was ich vielleicht aber noch hinkriege, ist meine jährliche Velotour entlang des Ägerisees, über Rothenturm und Schönenberg. Das habe ich dieses Jahr noch nicht geschafft.
Du fährst also gerne Velo?
Ja, wobei ich nicht weiss, woher die Leute die Zeit nehmen, um ständig mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Ich brauche das Velo am meisten, um mich durch die Stadt zu bewegen; ich sage gerne, dass ich zwei Hände, zwei Füsse und zwei Räder habe (lacht).
Zum Schluss: Hast du noch einen Wunsch für die VBG?
Ich wünsche der VBG, dass sie weiterhin Licht in die Gesellschaft bringen kann und dabei von den Menschen, die dabei sind, getragen wird. Sie hat eine Mission – weit denken, tief glauben –, die nicht fehlen darf! Ich hoffe, dass dadurch möglichst viele Menschen erreicht werden. Die Fragen stellte Noemi Walder